In der onkologischen Poliklinik

Eine Geräuschkulisse von sehr disziplinierter Geschäftigkeit: geduldig wartende Patienten, ruhig vor sich hin arbeitende Ärzte und Krankenschwestern. Weitere Geräusche von draußen, aus dem Wartebereich sowie von den immer vollen Fluren. Immer wieder lachende und witzelnde Menschen, obwohl es eng und heiß und voll ist.

In Deutschland unvorstellbare Verhältnisse

80 Quadratmeter ist das Sprechzimmer der onkologischen Poliklinik groß, würde ich schätzen, maximal. Die lange Seite misst etwa 10 Meter, mittig stehen drei Schreibtische nebeneinander aufgereiht. Sie sind jeweils in etwa so groß, wie der Jugendschreibtisch in meinem früheren Kinderzimmer. Nicht sehr breit also. Jeder Tisch ist doppelt belegt, dicht an dicht stehen die Flachbildschirme und Tastaturen und jeder zweite Platz ist komplett ohne Beinfreiheit – schließlich war jeder Schreibtisch nur für eine Person gedacht und ist auf einer Seite mit Schubladen ausgestattet.

Sechs Ärzte arbeiten in der onkologischen Poliklinik parallel. Ihre Patienten sitzen ihnen gegenüber, ebenfalls dicht an dicht, hinter ihnen steht oft noch ein Angehöriger. Um den Patienten ins Gesicht zu schauen, beugen sich die Ärzte am Bildschirm vorbei. Privatsphäre? Solch einen Luxus gibt es hier nicht. Sich darüber beschweren? Auf so eine Idee scheint hier keiner je zu kommen. Die Leute sind froh, überhaupt medizinisch behandelt zu werden, treten bescheiden und höflich, einige fast schon unterwürfig auf.

An der Rückwand, hinter den Ärzten, stehen zwei Untersuchungsliegen. Durch Vorhänge wird zumindest vermieden, dass die Patienten während der Untersuchung und Begutachtung von OP-Wunden oder Verbandswechseln gänzlich fremden Blicken ausgesetzt sind. Die Klimaanlage pustet allerdings mit voller Kraft, so dass die Vorhänge immer wieder zur Seite wehen.

Hygieneregeln?

Desinfektionsmittelspender hängen – wie auch in Deutschland – an den Wänden und stehen neben den Untersuchungsliegen. Benutzt werden sie aber längst nicht nach jedem Patientenkontakt. Und auf den Untersuchungsliegen liegt kein frisches Papier für jeden Patienten, abgewischt wurden sie während des gesamten Vormittags, den ich nun schon da bin, noch kein einziges Mal.

Von westlichen Standards lässt sich nur träumen.

In Indonesien gibt es seit kurzem eine staatlich geregelte Gesundheitsversorgung. Den Patienten, die heute in der onkologischen Poliklinik vorstellig werden, stehen nur Leistungen der ‚Klasse III‘ zu. Über Zugangsversicherungen kann man sich in Klasse II und Klasse I vorarbeiten, für die ganz reichen gibt es die VIP- und VVIP-Stationen und eigene Sprechstunden, direkt mit Fachärzten.

Krebs ist in Indonesien nicht anders als in Deutschland

Ich sehe eine Vielzahl an Frauen mit Zustand nach Mastektomie (Brust-OP) bei Mamma-Ca (Brustkrebs), die zur Nachsorge erscheinen. Ibu Y., 67 Jahre alt, wurde vor fast zwei Jahren operiert und klagt nun über drei Knoten an der Operationsstelle, je ca. 2cm im Durchmesser. Einer ist deutlich gerötet und seit ca. einer Woche sehr schmerzhaft. Doktor Ketut notiert ‚Verdacht auf Rezidiv‘ und schickt die Patientin vorerst zur Sonographie, diese Untersuchung ist im Klasse-III-Basis-Versicherungspaket mit drin. Die nächste Patientin, bitte. Ibu K., 55 Jahre alt, ist noch im ersten Behandlungszyklus und erscheint zur Hormontherapie. Sie bekommt eine Spritze unter die Bauchhaut und darf direkt wieder gehen.

Beeindruckend (im neutralen Sinne) sind auch die Schilddrüsen-Tumoren, mit denen gleich vier Frauen heute Vormittag erscheinen. Erfolglos ist der Versuch, sie mit Schal oder Halstuch zu kaschieren, so riesig sind sie bereits angewachsen. Einige Menschen, besonders die vom Land und mit wenig Schulbildung, wissen noch nicht viel über die neue Gesundheitsversicherung und erscheinen erst sehr spät beim Arzt. Doktor B. macht mit seinem Handy Fotos von CT-Bildern, die von Ibu T.s‘ Hals schon in einem Kreiskrankenhaus gemacht wurden: der Tumor hat sich bereits hinter das Brustbein ausgebreitet – reicht dennoch eine ’normale‘ OP oder wird das Brustbein mit eröffnet werden müssen? Das wird er morgen in der Tumorkonferenz mit Chef- und Oberärzten diskutieren.

Direkte Betreuung

Die sechs Ärzte, die heute eine Vielzahl an Patienten betreuen, sind alle noch in ihrer Facharztausbildung. (Wie bereits im letzten Beitrag erwähnt, tragen sie damit den Studentenstatus und werden nicht etwa bezahlt, sondern zahlen weiterhin Studiengebühren.) Ein Facharzt sitzt gemütlich am Rand, neben den Krankenschwestern, die Akten raussortieren und die Wartenden managen. Immer wieder wird ihm ein Patient vorgestellt und er gibt vor, wie das weitere Prozedere laufen soll. Wenig Platz hat auch den Vorteil, dass die Wege hier sehr kurz sind und der ‚Senior Doctor‘ direkt konsultiert werden kann, so dass die Assistenzärzte – Residents genannt – sich ständig bei einem erfahrenen Kollegen rückversichern können, und nebenbei tatsächlich auch ein bisschen Lehre stattfindet.

Voller neuer Eindrücke

In vielerlei Hinsicht bin ich entsetzt über die hiesigen Verhältnisse. Aber auch beeindruckt von der Gelassenheit aller Beteiligten. Wenn die Mittel hier nicht so knapp verteilt wären, könnte die medizinische Behandlung vielleicht bald so ähnlich aussehen wie bei uns.

Wie wäre es, wenn wir uns umgekehrt ein bisschen was von dem netten Lächeln und der Geduld der Indonesier abguckten?

Werbeanzeigen

Ein Gedanke zu „In der onkologischen Poliklinik

  1. Apropos Indonesien – die Menschen kriegen dort doch viel schneller Krebs, wenn ich sehe, wie viel Plastikmüll die dort auf der Straße verbrennen. Wenn ich diese Bilder sehe, mache ich mir wirklich sorgen um die Menschheit..

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s