Meine Oberärzte

C. betritt den Raum, schaut sich um, unsere Blicke treffen sich. ‚Wo bist du heute, T.?‘ Ich bin erstaunt. Was möchte C. wohl von mir? ‚In der Ambulanz!‘, werfe ich ihm zu. Er nickt, seine dunklen Locken, die mittlerweile schon recht grau sind, sind zerwuschelt wie fast immer und noch dazu etwas zerdrückt vom Fahrradhelm. Wir fahren fast die gleiche Strecke, auf dem Weg getroffen haben wir uns bisher aber nur zwei- oder dreimal. Ich glaube, C. fährt mit seinem Rennrad nur Straße, ich versuche, so viel wie möglich ‚durch die Natur‘ zu fahren, sofern das in einer Großstadt möglich ist. ‚Alles klar, ich komme gleich mal vorbei.‘ So langsam trudelt die Mannschaft ein. Die letzten schnellen Schrittes, kurz bevor der Chef die Tür zuzieht und die morgendliche Übergabe beginnt.

Nach fast eineinhalb Jahren im Team habe ich unsere Oberärzte und Oberärztinnen lieb gewonnen, und obwohl das sentimental-übertrieben klingen mag, meine ich es. Und ich glaube, ich bin nicht die einzige – es herrscht ein sehr nettes Miteinander und vielleicht liegt es an Corona und daran, dass soziale Kontakte außerhalb der Arbeit deutlich weniger geworden sind – ich habe das Gefühl, dass wir uns mögen im Team, so ganz grundsätzlich und generell.

Lasst mich vorstellen:

Da ist I., der einen auf Junggebliebenen macht und sehr herzlich im Umgang mit den PatientInnen ist. Der durchaus aber auch mal den ein oder anderen Spruch auf den Lippen hat, bei dem seine Sozialisation deutlich wird, die dann irgendwie doch nicht so ganz in die junge Generation passt. Wenn ich gemein wäre, würde ich Typus ‚alter weißer Mann sagen‘, oder zumindest ein Vertreter dieses Typus (da gibt es ja auch wieder verschiedene) – meint es nett, ist sich seiner zahlreichen Privilegien aber nur ansatzweise bewusst und gefällt sich in seiner Rolle als Charmeur, ohne dabei das bittere Geschmäckle seines patriarchalen Erbes kritisch zu bewerten. Oder so ähnlich.

Da ist K., der Ende des Jahres in Ruhestand geht, und bei dem ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass er uns – den jungen Ärztinnen, mit denen er tagtäglich arbeitet und denen er mit seiner Erfahrung zu Rate steht – auf eine wohlwollend-väterliche Art dabei zusieht, wie wir ‚groß werden‘ und ‚laufen lernen‘. Manchmal amüsiert über unseren Ehrgeiz, manchmal stolz über unsere Fortschritte. Immer wertschätzend. Belustigt-fasziniert darüber, wie wir jungen Frauen mit Idealismus und reichlich Energie an Dinge herangehen. (Das ein oder andere Mal schien er mir auch sehr gerührt, ob über uns oder die jungen Mütter auf der Säuglingsstation, wobei er das natürlich hinter trockenen Sprüchen versteckt.) Der in seinem Urlaub mit dem Motorrad durch die USA fährt, am Wochenende gärtnert, und mit seinem Humor nicht nur andere unterhält – sondern oft genug auch sich selbst breit zum Schmunzeln bringt. Kürzlich hat er angemerkt, dass wir (gemeint wiederum wir junge Assistenzärztinnen) doch eigentlich alle viel zu gut bezahlt würden – wir doch gar kein Geld bräuchten, wo wir alle kein Auto wollten und lieber mit dem Rad kämen. (Das könnte jetzt auch falsch rüberkommen – in der Situation selbst, habe ich seine Worte aber eher gepaart mit einem Kopfschütteln und Staunen, vielleicht sogar Bewunderung über unsere Generation wahrgenommen.)

Und da ist C., der mit dem Wuschelkopf, der unter seinem Kittel oft bunt bedruckte T-Shirts oder wild gemusterte Hemden anhat. Der sympathische, etwas abgedrehte Sonderling, der ein unglaubliches Gedächtnis hat, aber ansonsten oft etwas chaotisch wirkt. Der sich nicht davor scheut, in großer Runde seine Meinung kundzutun und sich auch in intern-krankenhauspolitische Debatten einmischt (was, so ist mein Eindruck, viele Mediziner eher scheuen, sind sie doch oft in strengen, manchmal fast autokratischen Hierarchien ‚aufgewachsen‘).

… zurück zur Übergabe …

Was C. wohl von mir will? Kürzlich hat er mir Material gegeben, weil ich eine Fortbildung zu einem Thema aus seinem Fachbereich vorbereite. Ob es damit zu tun hat? Oder hat er etwas eine ‚Reklamation‘, irgendein Kind, das ich betreut habe, und bei dem mir ein Fehler unterlaufen ist? Kurz geht mein Puls hoch – obwohl ich mittlerweile klinisch deutlich sicherer bin und selten Angst habe, dass ich etwas komplett falsch eingeschätzt oder übersehen habe, gehört es zum Berufsrisiko, dass irgendwann etwas schief geht.

Kurz nach der Übergabe kommt C. in die Notaufnahme, mittlerweile im Kittel. Meine kurzen Bedenken lösen sich schnell in Luft auf: Er möchte mir das EEG (Messung der Hirnströme) eines Kindes zeigen, das ich kürzlich gesehen habe, und bei dem sich Auffälligkeiten im Sinne einer fokalen Epilepsie zeigen. Nicht als Kritik oder Feedback, sondern weil es spannend ist und letztlich gut gelaufen. Die Eltern hatten sich nachts vorgestellt und angegeben, ihre 5-jährige Tochter sei aus dem Schlaf aufgewacht, habe geweint, sei ängstlich gewesen und habe kurz danach angegeben, nichts sehen zu können. Weil das Kind klinisch unauffällig war, hatte ich sie mit V.a. Pavor nocturnus (= Nachtschreck) nach Hause geschickt; da mir die Geschichte aber dennoch etwas komisch vorkam, sie zum EEG wieder einbestellt. Und diese Intuition war richtig gewesen – C. zeigt mir die Spike-Waves (ein besonderes Muster im EEG), die okzipital (im Hinterkopf) zu sehen sind, und die durchaus eine kurzzeitige Amaurose (Blindheit) verursachen können.

Also alles in Ordnung. Die Woche kann beginnen!

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