Los geht’s.

Mit Orten und der Zeit ist es manchmal sehr seltsam: Neun Monate sind vergangen, seitdem ich das letzte Mal hier war, aber es fühlt sich so an, als wäre erst gestern der letzte Tag meines PJ-Tertials in der Kinderklinik gewesen. Alles ist wie immer. Es ist zwanzig vor acht, die Kollegen trudeln ein. Die ersten entspannt, zum Teil schon in Kasack und wahlweise Turnschuhen oder Birkenstock-Sandalen, geschlossenen versteht sich. Offensichtlich sind sie gut durch den Verkehr gekommen. Einige in Regenjacke, sehr lebendig, mit rotem Kopf und ein kleines bisschen dampfend: den Tag mit einer Radstrecke von 10 bis 12km am frühen Morgen zu starten (was einige hier machen) macht munter.

7.45h, die Frühbesprechung beginnt. Zwei neue Patienten sind seit gestern Nachmittag auf der Station, auf der ich heute eingeteilt bin, da höre ich ganz besonders gut hin. Bei dem Rest der aufgenommenen Patienten frage ich mich, ob ich die einzige bin, der es nicht gelingt, allen Geschichten im Detail zu folgen. Geht das nur Anfängern so oder auch den Oberärzten? Ich bemühe mich, alles aufzunehmen, schweife aber immer wieder ab. Irgendwie ist es dafür heute dann doch alles zu aufregend. Danach noch einige Ankündigungen – unter anderem das Wort an mich, ein „neues altbekanntes Gesicht“ und die Aufforderung, mich kurz vorzustellen. Ich halte es kurz, in diesem Moment alle Blicke auf mich zu wissen, macht mich etwas verlegen. Doch schon sind meine 30seconds-of-fame (oder eher 10) vorbei – und auf geht’s. Die Kinderärzte schwärmen aus, verteilen sich auf Stationen, die Notaufnahme, die Ambulanz.

Ich hefte mich an die Versen meiner Kollegin. Selbst erst seit zwei Wochen im Haus, hat sie diese Woche die Aufgabe, mich einzuarbeiten. Da sie schon über fast vier Jahre Berufserfahrung verfügt, war ihre Einarbeitung deutlich kürzer als die, die mir als Berufseinsteigerin zugestanden wird. Denn mein Einstieg klingt sehr sanft, die ersten fünf Wochen werde ich eingearbeitet und bin nicht fest im Dienstplan eingetragen, sondern zusätzlich da. Von so viel Zuwendung und so wenig alleiniger Verantwortung in den ersten Wochen können andere nur träumen. Präsenter sind mir Berichte von jungen Ärzten, die schon an Tag 2 alleine zuständig sind, als dass die Einarbeitung wie vorgesehen gelingt. Vier bis sechs Wochen, das ist oft der Plan, aber die Realität sieht durchaus anders aus. In der Kinderheilkunde ist es meist etwas besser – aber ich habe es im Gefühl, dass ich es in meinem Haus besonders gut getroffen habe.

‚Ich bin die Stationsärztin‘ kommt mir noch schwer über die Lippen

Meine Kollegin hat unsere Patienten schon gestern kennen gelernt und einen guten Überblick. Ich fange meine Woche – bedingt durch den Vertragsstart ab dem 15.10. – mittendrin an. Mit ihr an meiner Seite fühle ich mich wie als Studentin – wie seltsam, dass ich ab heute bezahlt werde. Nach zahlreichen unbezahlten Praktika fühlt es sich übertrieben an, so viel Geld zu erhalten für etwas, was ich lange Zeit primär aus Interesse gemacht habe. Aber nun, jetzt bin ich also tatsächlich angekommen in der Klinik.

Ich nehme mir fest vor, die nächsten Wochen gut zu nutzen, um mich bestmöglich auf den Tag x vorzubereiten, an dem ich allein auf der Station stehen werde. Und erinnere mich dann aber daran, dass ich das ja eigentlich die letzten sieben Jahre lang gemacht habe. Aber trotzdem, was dazu kommt, sind die Abläufe auf dieser Station: Wann geht das Labor weg, wo melde ich welche Untersuchung an, wann kommen die Befunde aus dem Labor und von Untersuchungen und telefonisch oder schriftlich und wenn schriftlich, wo liegen sie dann, wie heißen die Krankenschwestern, wo ist das Klo, wo gibt es Kaffee. Ein bisschen was weiß ich schon, alles noch nicht. Und noch mal die Krankheitsbilder zu wiederholen, die hier täglich ein- und ausgehen, kann ja auch nicht schaden. Ganz praktisch nun: welche Blutwerte nehme ich ab, wie sind die Medikamente zu dosieren, wie die Infusionsgeschwindigkeit zu berechnen. Puh, mir raucht der Kopf.

Los geht’s!

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