Fliegen lernen

Immer noch im PJ-Tertial auf Bali. 

Dass meine 16jährige Gastschwester Tia von ihrer Familie sehr geliebt und behütet wird, habe ich schon gemerkt. Dass diese Liebe und Fürsorge aber etwas ausarten, lerne ich erst mit der Zeit.

Zum ersten Mal wurde ich etwas stutzig, als mir meine Gastmutter eines Abends etwas über das Kastensystem auf Bali erzählte. Ob ich mich damit auskennen würde? Ein bisschen etwas hatte ich schon gehört, vier Kasten, oft ist die Kaste am Namen zu erkennen und die Anrede und im balinesischen sogar die Ansprache und grammatische Höflichkeitsform sind bei den höheren Kasten anzupassen. Aber irgendwie klang es für mich trotzdem immer wie Schnee von gestern, veraltet und überholt. Meine Gastmutter belehrt sich eines besseren: Ihre Familie gehört nämlich zur zweiten Kaste, einer der gehobeneren. Und sie bittet mich, mich nicht mehr auf die Stufen vor meinem Zimmer auf den Boden zu setzen, das sei ihrer Kaste nämlich verboten. Ansonsten spiele das alles natürlich keine Rolle mehr, alle Menschen seien gleich viel wert; nur bei Tempelzeremonien, da stünden ihrer Familie ebenfalls Privilegien zu. Und für Tia gibt es auch noch etwas zu beachten: Der habe sie schon immer gesagt, sie solle sich nur nach standesgemäßen Jungs umschauen. Denn sonst würde sie durch eine Heirat aus ihrer Kaste fallen.

Das Patriarchat lässt grüßen.

Ich kann einerseits die Sorge der Mutter verstehen, dass ihre Tochter gesellschaftlich ‚absinken‘ könnte. Andererseits ist dieses Denken für mich so antiquiert, dass ich die gut gemeinten mütterlichen Ratschläge vor allem als eine krasse Einschränkung sehe. Für die Söhne besteht übrigens keine Gefahr: Ihre zukünftige Braut, egal welchen Standes oder welcher Herkunft, würde automatisch in ihre Kaste aufsteigen – theoretisch ist das sogar für Nicht-Balinesen oder gar Ausländer möglich.

Nach ein paar Tagen wird mir zudem bewusst, dass Tia – egal, wo sie hinfährt – nie allein unterwegs ist. Immer wird sie von ihren Eltern, Brüdern oder ihrem Cousin chauffiert, im Auto oder auch auf dem Motorroller. Ja, erklärt mir meine Gastmutter, ihr Vater habe Angst um sie und erlaube es ihr daher nicht, selbst Motorroller zu fahren. Sie sei ja das einzige Mädchen und vielleicht nicht so stark, um die Maschine zu halten… da sei es einfach sicherer, wenn sie gefahren werde.

Logisch ist die Erklärung nicht.

Und irgendwie finde ich es gut, dass Tia sieht, wie ich – körperlich nicht stämmiger oder kräftiger gebaut als sie – jeden Tag mit dem Motorroller losfahre, ins Krankenhaus, ins Wochenende. Gut, dass ihre Eltern sie zumindest nicht vor diesen Eindrücken schützen und so offen sind, dass sie internationale Studenten bei sich aufnehmen. Aber vermutlich bin ich so anders als sie, dass ein Vergleich mit mir für sie nicht so sehr auf der Hand liegt.

Tia aber ist neugierig. Immer wieder fragt sie nach meinen Auslandserfahrungen und Reisen und je besser ich die Familie kennenlerne, desto mehr sehe ich sie nicht nur als nette Gesprächspartnerin, sondern habe zunehmend im Hinterkopf, ihr zumindest zu erzählen, welche Möglichkeiten ich als junge Frau habe und nutze. Und was ich auch schon als Jugendliche durfte, obwohl ich nicht ungeliebt oder gar unbehütet aufgewachsen bin.

Als ich mit 21 das erste Mal länger in Indonesien war und mein Vater mich besucht hat, hat er sich hinter mich auf den Roller gesetzt.

Meine Mutter war schockiert, als sie im Nachhinein davon erfuhr, vielleicht ein bisschen zu Recht. Bei einem Gewichtsunterschied von gut 20kg ist das Fahren gar nicht mehr so einfach. Und natürlich ist der Straßenverkehr in Indonesien nie ganz ungefährlich. Aber kleine Risiken muss man im Leben wohl eingehen, um etwas erleben zu dürfen. Und ich bin froh, dass ich von meinen Eltern eher die Botschaft erhalten habe, mir mit Recht alles zutrauen zu können. Ohne leichtsinnig oder sorglos zu sein.

Ob nun wirklich von Goethe oder nicht, wie war noch mal dieser Spruch? Zwei Dinge sollten Eltern ihren Kindern auf den Weg geben: Wurzeln und Flügel. Aus aktuellem Anlass möchte ich ergänzen: Töchtern wie Söhnen.

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