Vertraute Fremde

Gleich am Flughafen altbekannte Gerüche. Nelkenzigaretten, Räucherstäbchen, Mottenkugeln, die hier irgendwie alle in ihren Schränken liegen haben und deren Geruch den Kleidern noch lange anhaftet. Was noch? Blumen, Pflanzen? Bestimmt mischen sich in den mir wohlbekannte Mix noch zahlreiche weitere Komponenten, die ich nur nicht zu benennen weiß.
Wie riecht eigentlich Deutschland? Ich kann es nicht sagen. Ob das eine Definition von Heimat sein könnte? Wenn man den einem Ort eigenen Geruch nicht mehr wahrnimmt? (Und medizinisch gefachsimpelt: Ist er durch Habituation von unserem Gehirn dann tatsächlich herausgefiltert?)

Auch die Geräusche sind angenehm vertraut und obendrein ausgesprochen positiv besetzt. Der Klang der Sprache, sympathisches Lachen, Laute von Zustimmung, Überzeugung, Überraschung. Verkehr und Motorräder, sanftes Hupen (meist als Warnung oder Hinweis gemeint und nicht aggressiv). Das Grillenkonzert. In den Wohngebieten bellende Hunde.

Ich fühle mich unmittelbar wohl.

Ich bin nicht das erste mal in Indonesien, durch familiäre Bande bin ich der Kultur und dem Land intensiv verbunden.
Und trotzdem war ich vor dem Aufbruch aufgeregter, als wenn ich in ein europäisches Nachbarland gefahren wäre. Warum, weiß ich selbst nicht so genau. Der lange Flug. Das Gefühl, die Leute und die Gesellschaft nicht so gut einschätzen zu können. Wie verhalte ich mich entsprechend geltender ungeschriebener Gesetze? Wer ist vertrauenswürdig? Wer möchte nur an mein Geld? Am Anfang muss man sich immer erstmal seinen Platz suchen.

Vielleicht ist es auch wirklich vor allem das Geld? Mir ist bewusst, dass ich die reiche Europäerin sein werde. Die es sich herausnehmen kann, einen Pflichtteil ihrer Ausbildung (was das PJ ja darstellt) im Ausland zu verbringen, einfach so, weil es interessant und mal was anderes ist. Horizonterweiternd natürlich auch, wobei ich mir gar nicht so sicher bin, ob wiederholte Auslandsaufenthalte was das betrifft wirklich immer gerechtfertigt werden können… (Und damit meine ich nicht, dass mein Horizont schon grenzenlos weit ist, das wäre ja traurig; aber doch, dass es irgendwo eine Art Limit gibt, dem man sich immer kleinschnittiger, vielleicht irgendwann asymptotisch annähert.)

So ein Privileg ist angenehm, weil ich weiß, dass selbst, wenn irgendetwas schief gehen sollte, meine Kreditkarte und meine Nationalität mir dabei helfen werden, eine Lösung zu finden. Aber es fühlt sich auch unfair an, mir Touri-Kram leisten zu können, die sich kein Einheimischer leisten könnte. Und bestimmt auch hin und wieder in eine Parallelwelt voll von internationalen ‚Expats‘ und Reisenden auf Bali einzutauchen, in der alles nach westlichen Normen vor sich geht – und in der Indonesier damit de facto ausgeschlossen sind. (Die Yogaszene in Ubud, Luxus-Hotels in Nusa Dua oder Bars auf den Gilis zum Beispiel. Wobei mich letztgenannte gar nicht besonders reizen, aber man weiß ja nie.)

Ich bin gespannt. Und aufgeregt.

Und habe im letzten Moment noch entschieden, zumindest die ersten paar Wochen ein bisschen balinesischen Alltag mitzubekommen und bei einer Gastfamilie zu wohnen. Was gleichzeitig doch auch etwas aufregender ist, als direkt das Surfer-Hostel anzufahren, mit dem ich zuerst geliebäugelt habe, nach dem Motto ’nach der ganzen Lernerei und dem harten Studium habe ich mir das verdient‘! (Dabei habe ich – ehrlich gesagt – trotz mehrerer Lernphasen immer das Gefühl gehabt, in meinem Studium auch sehr viel Freizeit und Ausgleich zu haben… und sich selbst etwas vorzumachen ist noch mal bedeutend schwieriger als anderen.)

Nun also doch der Versuch, etwas mehr einzutauchen in die vertraute Fremde. Damit nicht der ganze Aufenthalt ein einziger langer Urlaub wird, sondern ich vielleicht auch ein bisschen mehr von der Welt entdecke, die Bali abseits des Tourismus zu bieten hat.

2 Gedanken zu „Vertraute Fremde

  1. Ein schönes neues Jahr wünsche ich Ihnen! Ich finde es sehr schön, dass Sie die Möglichkeit haben, einen Teil Ihres PJs in Indonesien zu verbringen, und es auch wirklich tun. Ich habe diese Möglichkeit leider nie in Betracht gezogen, was mich ein bisschen ärgert. Ich hatte immer meine Behinderung vorgeschoben, dabei ist das ziemlicher Quatsch. Man kann auch mit Behinderung ins Ausland gehen. Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall eine schöne, lehrreiche und spannende Zeit, und freue mich schon, Ihre Reflexionen hier zu lesen. Indonesien ist für mich sehr exotisch, aber ich bin sehr neugierig. Ich freue mich auf jeden Fall auf Ihre nächsten Texte.

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    1. Vielen Dank! Ebenfalls ein frohes neues Jahr. Ja, ich glaube mittlerweile, dass es sich lohnt, die Gedanken ‚das geht nicht‘, ‚das kann ich nicht‘ oder auch ‚jetzt ist es für mich dazu zu spät‘ zu hinterfragen… oft sind die Barrieren im Kopf als die eigentlichen Hindernisse, die uns davon abhalten, etwas auszuprobieren oder kennenzulernen.

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