Lebenslanges Lernen

Miri ist mir weit voraus. Nächstes Jahr könnte sie antreten zur Facharztprüfung in Kinderheilkunde, hat sie mir neulich erzählt. Aber darauf vorbereitet, das war direkt der nächste Satz, fühle sie sich nicht.

Angefangen hat sie in der Kinderchirurgie, war dann gerade mal für ein halbes Jahr in der allgemeinen Kinderheilkunde, ist schwanger geworden, hat ein Baby bekommen. Und war nun über zwei Jahre auf der Intensivstation, wo die Abläufe anders, die Betreuung und Pflege durch die Schwestern intensiver und die Kinder deutlich kränker sind. Vor einem Monat ist sie wieder in die Pädiatrie gewechselt. Alles zusammengerechnet fehlt ihr damit nicht mehr viel, bald hat sie (auf dem Papier) genug Klinikerfahrung gesammelt für die Prüfung. Aber bereit fühlt sie sich noch nicht. Denn was anfangen mit den ganz normalen Kinderkrankheiten, die in der Ambulanz auflaufen? Diese Kinder hat sie seit Jahren kaum gesehen.

Irgendwie ist man nie ganz fertig mit Lernen.

Ein niedergelassener Pädiater munterte mich während einer Famulatur, als er mir Frustration darüber anmerkte, wie viel Wissen und ‚Skills‘ mir nach (immerhin!) neun Semestern Studium immer noch fehlten, mit folgenden Worten auf: ‚Die Medizin ist so groß. Und die Pädiatrie auch. Bis man da einen wirklich guten Überblick hat – das dauert Jahre. Und selbst ich, nach über 15 Jahren Berufserfahrung, lerne immer wieder dazu und bin manchmal überfragt und ratlos.‘

Insofern habe ich mich daran gewöhnt, dass immer wieder Wissenslücken da sind und ich sie nur Stück für Stück schließe. Eigentlich ist es ja auch ein riesiger Vorteil, einen Job zu machen, der immer wieder neues Futter für den Kopf bietet. Und gerade merke ich während des PJ sowieso, dass es im Alltag neben einem soliden Fachwissen auf noch so viel mehr ankommt, um einen guten Job zu machen: gute Absprachen mit Kollegen, eine strukturierte ToDo-Liste (die flexibel ist und ständig angepasst und verändert werden muss), Konzentration und eine ruhige Hand beim Legen von Zugängen, der Blick für das Wesentliche bei der Aufnahme von Patientengeschichten und dem Blick auf das Labor. Ruhe und Sicherheit gegenüber den Patienten, ein offenes Ohr, die Fähigkeit, menschlich Kontakt aufzubauen. In der Pädiatrie: mit den Kindern scherzen, ihnen Angst nehmen, dafür zu sorgen, dass sie sich untersuchen lassen. Zu guter Letzt auch Grundkenntnisse im Umgang mit dem Computer und möglichst schnelle Finger beim Tippen von Arztbriefen.

Wenn momentan mal ein Patient mit einer etwas selteneren Krankheit auftaucht, übersteigt das schnell meine Kapazitäten; zu sehr bin ich noch mit den Basics des Stationsalltags beschäftigt. Umso besser, wenn in solchen Fällen erfahrenere Fach- und Oberärzte vorbeikommen und sich auf die entsprechenden Patienten stürzen, an denen sie fachlich gefordert sind – und dazulernen können.

Die Erfahrung wird automatisch kommen.

Und dann werde ich auch wieder Platz haben im Kopf für seltenere Krankheitsbilder und kompliziertere Verläufe. Noch ist für mich die Versorgung von Gastroenteritiden, Pneumonien und Bronchitiden Aufgabe genug. Die Routine wird dann schon kommen. Und dann ist es umso schöner, dass es nicht dabei bleibt. Sondern es in der Medizin immer weiter Möglichkeiten geben wird, dazuzulernen und sich zu entwickeln.

Erst traue ich mich nicht, Miri meine Sicht der Dinge zu erklären. Wer bin ich schon, gerade mal im PJ, ganz ohne Verantwortung und mit deutlich weniger Erfahrung? Nicht, dass sie mich als belehrend wahrnehmen könnte. Doch dann nehme ich mir ein Herz, denn wer bin ich, wenn ich die Hierarchien, die mich im Krankenhaus zum Teil ohnehin sehr stören, so sehr als Mauern wahrnehme, dass ich mich nicht traue ein rein zwischenmenschliches Gespräch zu beginnen.

Eine gute Entscheidung. Denn Ebene und Hierarchie hin oder her: aufmunternde Worte kann auch Miri gebrauchen.Selbst von einer Studentin.

P.S.: Und wann ist man schon bereit für irgendwas? Ich glaube inzwischen, dass es ziemlich stark Typsache ist, ob man sich ‚gut genug‘ ausgebildet oder vorbereitet fühlt, und dementsprechend auftritt; oder ob man noch Zweifel hat und sich entsprechend vorsichtig positioniert. Und dass – aus einem Grund, der sich mir noch nicht erschlossen hat – Frauen dazu neigen, selbstkritischer zu sein als Männer. 

Bereit sein, heißt vielleicht nicht immer, alles zu können und zu wissen. Aber schon eine ganze Menge; und vor allem: genug, um im Alltag einen guten Job zu machen. Und im Notfall auf erfahrenere Kollegen zurückzugreifen. 

Oder nicht?

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