So langsam reicht’s!

Immer wieder regt sich in mir der Widerstand. Noch stehe ich nicht in der Schusslinie. Aber lang ist es nicht mehr hin. Und dann – ich hoffe, meinen Worten treu zu bleiben – lasse ich nicht alles mit mir machen.

In meiner Rolle als PJlerin – unbezahlt – nehme ich mir das Recht heraus, mir immer wieder bewusst zu machen, dass ich da bin, um zu lernen. Zwar versuche ich durchaus, den Assistenzärzten zuzuarbeiten, schätze auch, vergleichsweise langweilige Aufgaben zu übernehmen wie das Diktieren von Arztbriefen (denn erstens ist das wirklich eine große Hilfe für meine Kollegen und andererseits zwingt es mich, die Krankengeschichten und Therapien noch einmal gut zu durchdenken) oder auch bei der Visite mitzulaufen, ohne groß etwas selbst zu tun (denn fast von jedem Arzt kann ich mir etwas anderes abschauen, Tricks, mit den Kindern zu sprechen, sie zu untersuchen oder gute Erklärungen für die Eltern, was Krankheitsbild und Therapien betrifft).

Und – sofern ich mir eine Wertung erlauben darf – die Kollegen machen ihre Sache richtig gut.

Die Ärzte, mit denen ich zusammenarbeite, sind motiviert. Ihnen geht es nicht um das Geld, dafür hätten sie nicht Medizin studieren müssen und wenn, nicht das Fach Kinderheilkunde wählen dürfen. Sie halten schreiende Kinder, uneinsichtige und manchmal unfreundliche Eltern aus. Kümmern sich penibel darum, dass Untersuchungen stattfinden und Laborergebnisse auftauchen und spielen dafür tagtäglich auch Sekretärin. Finden es selbstverständlich, die Mittagspause auf 20 Minuten zu kürzen oder oft auch ganz ausfallen zu lassen. Machen Überstunden, wenn sie nicht fertig geworden sind mit den Aufgaben. Haben sogar ein schlechtes Gewissen, weil sie denken, dass sie zu langsam waren. Und da hört es bei mir auf.

Denn ich finde es unnormal, wenn das Gesundheitssystem ständig suggeriert, zu langsam zu arbeiten. Oder es den Vorwurf gibt vonseiten des Chef, nicht sorgfältig genug zu arbeiten. 

Die Kommilitonen, die ich im Studium kennen gelernt habe, waren ziemlich schlau und ziemlich fleißig. Ohne diese Fähigkeiten bekommt man heutzutage in Deutschland auch kaum mehr einen Studienplatz. Ich bin davon überzeugt, dass diese Charaktereigenschaften nicht einfach mit dem Eintritt ins Berufsleben verschwinden; und bin daher wütend, wenn ich das Gefühl habe, der Arbeitsalltag ist so verdichtet, dass jeder Einzelne das Gefühl hat, nicht genug zu leisten. Und dabei an seine Grenzen der Belastbarkeit stößt oder im schlimmsten Fall irgendwann komplett frustriert ist.

Es liegt nicht an uns. Denn aus ehrgeizigen Studenten werden doch nicht einfach träge und unsauber arbeitende Ärzte.

Das will ich mir nicht sagen lassen. Deshalb fand ich es heute unmöglich, als der Chefarzt es als nötig erachtete, meiner Kollegin Miri ins Gesicht zu sagen, dass ‚heute wohl der Tag der Fehler sei‘, nachdem sie einem Elternpaar einen zu hohen Entzündungswert und einem anderen nicht das Ergebnis der aktuellen Röntgenaufnahme, sondern das von vor drei Tagen mitgeteilt hatte. Zu oft gilt noch das Credo, dass ‚Fehler nicht passieren dürfen‘. Aus anderen Branchen weiß ich, dass Fehler gefeiert und sogar ausgezeichnet werden. Nicht, weil es tatsächlich toll ist, dass sie passieren. Und natürlich soll im Krankenhaus kein Patient fehlerhaft behandelt werden, schon gar nicht in der Kinderheilkunde. Sie trotzdem positiv zu beachten, wäre aber wichtig: weil man aus ihnen lernen könnte und evtl. die Umstände soweit anpassen, dass sie nicht noch einmal passieren. Im konkreten Fall würde das heißen, hinzuschauen und zu sehen, dass Miri am Rande ihrer Kräfte ist und die Stationsarbeit, jetzt in den Wintertagen, wo es proppenvoll ist und fast jeden Tag alle Betten voll belegt sind, alleine kaum zu stemmen ist. Doch dieser offene Umgang mit Fehlern oder Überforderung fehlt. Schließlich begreifen sich immer noch zu viele Ärzte, und aus meiner Erfahrung gerade die Chefs, als ‚Halbgötter in weiß‘, die in der Lage sind, Übermenschliches zu leisten.

Deshalb werde ich wütend. Und bin gespannt, wann diese Wut in Energie umschlägt, die nach außen drängt. Ein sehr harmoniebedürftiger Mensch, bin ich eigentlich kein Fan von Revolutionen. Doch im Krankenhausalltag kommt mir immer öfter der Gedanke, dass es an der Zeit scheint, dass sich Dinge ändern müssen. Und eine – gut ausgebildete, fleißige, intelligente und in Großteilen idealistische – Ärzteschaft sich nicht von einem Gesundheitssystem, in dem gute Patientenversorgung für die Geschäftsführung kaum eine Rolle mehr spielt, steuern lassen darf. Sondern das System schlicht falsch ist, wenn es die ihm dienenden Ärzte und Pflegekräfte in den Burn-Out treibt und Patienten inadäquat versorgt werden.

Viva la revoluciòn!

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