Willkommen in der Wirklichkeit

Die ersten Wochen PJ sind bereits vergangen. Wie im Flug. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, wieder häufiger aus dem Klinikalltag zu berichten. Doch aus einer Vielzahl von Gründen bin ich bislang nicht dazu gekommen.

Nun einmal durchatmen und einen Schritt zurück treten. Wie habe ich die letzten Wochen erlebt?

Mein erstes Tertial verbringe ich in der Inneren Medizin eines kleinen Kreiskrankenhauses unweit meines Studienortes. 182 Betten hat das Krankenhaus. Übersichtlich, die Kollegen kennen sich auch über Abteilungsgrenzen hinweg, momentan bin ich in der Inneren die einzige PJlerin. Die Chefärzte haben bis vor wenigen Jahren als Oberärzte an meiner Uniklinik gearbeitet. Beide sind sehr nahbar. Auch das restliche ärztliche Team ist sehr nett – wenn man denn dazu kommt, im streng getakteten Alltag ein paar persönliche Worte zu nutzen. Und da liegt der Haken.

Die ersten paar Wochen verbringe ich mit M. auf einer Station mit 19 Betten. Sie hat seit einem Monat als Assistenzärztin angefangen zu arbeiten und ist für die Patienten weitestgehend allein zuständig. Zwischendurch kommt ein Oberarzt und manchmal auch der Chefarzt zur Visite; natürlich kann sie die beiden auch telefonisch erreichen und um ihre Meinung fragen; aber die meiste Zeit sind wir zu zweit auf der Station.

Nach der morgendlichen Übergabe, wo das ganze Team zusammenkommt und die Patienten vorgestellt werden, die seit dem Vortag neu hinzugekommen sind, stehen als erstes die Blutentnahmen an – eine meiner wichtigsten Aufgaben ist es, hierbei die Assistenzärzte zu unterstützen. Denn hier kann ich tatsächlich Zeit freischaufeln. M. ist nett, wir teilen uns die Arbeit, damit ich danach die Visite mit ihr zusammen machen kann und die medizinischen Geschichten der Patienten mitbekomme.

Im Kommunikationskurs haben wir an der Uni gelernt, was wichtig ist: die Patienten ausreden lassen, zuhören, ihnen genau erklären, was vor sich geht. In der Realität ist das nicht vergessen worden; aber ich bekomme sehr schnell mit, dass Wunschvorstellung und Wirklichkeit nicht immer zusammen passen. Auf dem Visitewagen fehlt ein Computer. Erste Aufgabe der Assistenzärzte also: Befunde ausdrucken und abheften; eigentlich soll die Pflege dabei unterstützen, doch das funktioniert nicht immer. Auch die Schwestern und Pfleger haben zahlreiche andere Aufgaben und kommen kaum hinterher.

M. arbeitet gründlich, braucht als neue junge Ärztin aber Zeit.

Dazu kommt, dass nach jedem Besuch im Patientenzimmer ihre Aufgabenliste länger wird: Koro anmelden, nochmal nachhaken im Labor, Röntgen-Thorax hier, Gastro da. Vieles läuft noch handschriftlich, über Zettel und Fax. Für beispielsweise aufgrund einer Demenz betreute Patienten muss der Betreuer erreicht werden, um über für die geplanten diagnostischen Eingriffe seine schriftliche Einverständniserklärung zu geben. Einige Patienten könnten entlassen werden, aber die Versorgungssituation zu Hause muss noch geklärt und organisiert werden. M. sitzt am Schreibtisch, telefoniert hin und her, stimmt sich mit der Mitarbeiterin des sozialen Dienstes ab.

Ein bisschen bin ich desillusioniert.

Ein bisschen erinnere ich mich daran, was mich vor Jahren davon abgeschreckt hat, das Medizinstudium direkt nach dem Abi aufzunehmen. Viele Aufgaben kommen mir gar nicht besonders medizinisch vor – diagnostische Überlegungen, kritisches Zusammenlegen der Befunde? Natürlich geht es auch darum, aber – vorsichtig geschätzt – sind mehr als 50% der Aufgaben eher organisatorischer oder dokumentarischer Art. Aber was ich als noch dramatischer empfinde: Der Eindruck, dass die meisten der Kollegen 150% geben, teils früher kommen und sehr oft deutlich länger bleiben, und trotzdem nicht hinterherkommen. Dass dabei noch nicht einmal immer eine gute Patientenversorgung gewährleistet ist.

Dazwischen hin und wieder Lichtblicke, die mir in Erinnerung rufen, was ich bisher an dem gewählten Studium und dem zukünftigen Beruf geschätzt habe: Gespräche mit den Patienten. Klarheit schaffen, nach gründlicher Diagnostik eine notwendige Therapie einleiten, beruhigen und behandeln.

Für ein Fazit ist es noch zu früh.

Aber ich kann es nicht anders sagen: bereits in den ersten paar Wochen des PJ habe ich einige der Schattenseiten der Medizin und unseres Gesundheitssystems kennen gelernt. Bleibe weiterhin positiv gestimmt und optimistisch, dass ich einen Weg finden werde, den ich zufrieden beschreiten werde. Und habe trotzdem oft das Gefühl, dass doch so einiges falsch läuft und wir alle – Patienten, Pflegekräfte, Ärzte, letztendlich sogar die Verwaltung und Geschäftsführer – von einem System getrieben werden, dessen Mechanismen uns mitunter in Richtungen lenken, die wir so eigentlich nicht wollten und die wir nur schwer vertreten können.

Ich bin dennoch gespannt auf die nächsten Wochen und hoffe, demnächst wieder von den schönen Seiten des Medizinerdaseins berichten zu können. Aber gerade werden diese in meiner Wahrnehmung überschattet durch etliche Missstände, die ich im Alltag sehe.

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