Merke auf ewig.

Beim Schreiben des Arztbriefes durchdenke ich die Krankengeschichte. Möglichst knapp (kein weiterbehandelnder Arzt hat die Zeit, Romane zu lesen) und trotzdem vollständig soll er sein. Warum ist der Patient erschienen, was wurde diagnostisch unternommen und mit welchem Ziel, welche Diagnosen wurden gestellt und wie wurde der Patient behandelt. Wie hat er auf die Behandlung reagiert, in welchem Zustand verlässt er das Krankenhaus, wie sieht das weitere Prozedere aus. An sich ist alles recht logisch aufgebaut. Bzw. sollte sich dem Leser (und dem Verfasser!) logisch erschließen.

Anfangs raucht mir der Kopf. Denn auch wenn es erfahrenden Ärzten schnell gelingt, sich einen Überblick über die Krankenakte zu verschaffen – wie es so ist im Leben, brauchen Anfänger bei allem etwas länger. Ich durchforste die Daten, die zum Teil digital, zum Teil handschriftlich auf in einer dicken Mappe einsortierten Zetteln vorliegen. Übertrage Befunde, versuche die Schlüsse, die aus EKGs und Laborwerten gezogen wurden, nachzuvollziehen. Mache mir ein Bild.

Wenn es gut geht, gelingt es mir, eine schöne Geschichte zu erzählen. Schön, weil sie nachvollziehbar und stimmig ist. Nach einigen Wochen im PJ habe ich das Gefühl, dass der Patient auch nur dann wirklich gut betreut wurde, wenn die ‚Storyline‘ stimmt. Die Befunde zu den Diagnosen und zur Therapie passen. Wenn keine Fragen offen bleiben.

Neulich war genau das nicht der Fall.

Frau A., über 80 Jahre alt, kam mit einer Sepsis in die Klinik auf die Intensivstation. Als Fokus (also Ursache für die Bakterien, die sie im Blut hatte, und die eine generalisierte Entzündungsreaktion ihres Körpers hervorgerufen hatten) wurde eine Lungenentzündung benannt. Nicht besonders stark war sie zu sehen, aber das Röntgenbild zeigte doch die für eine Pneumonie typischen Verschattungen. Der Erreger wurde im Blut gefunden und eine passende Antibiotikatherapie eingeleitet. Frau A. erholte sich und wurde auf die Normalstation verlegt.

So weit, so gut.

Nach einigen Tagen ging es Frau A. wieder schlechter und sie war plötzlich geistig eingeschränkt. Ein MRT zeigte multiple neue Infarkte im Gehirn. Alarm! Mit einem Ultraschall des Herzens fand man die Ursache dafür: eine Entzündung der Aortenklappe – von dort aus waren immer wieder winzige Ablagerungen fortgerissen worden und hatten kleinste Gefäße im Gehirn der Patientin verstopft – mit den beobachteten neurologischen Folgen.

Die Ärzte haben gut reagiert. Die Patientin war seit drei Wochen im Krankenhaus – offen wurde die Frahe gestellt, ob sie besser hätten aufpassen können? Die Komplikationen, die Frau A. möglicherweise dauerhaft kognitiv einschränken werden, verhindern können?

Doktor B. beschäftigte sich eingehend mit der Patientenakte. Er stolperte über das Röntgenbild, auf der die Lungenentzündung gesehen wurde. Hätte man dort nicht stutzig werden sollen? Im Nachhinein erklärt die leichte Entzündung die schwere Erkrankung der Patientin nicht ausreichend. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer, unmöglich war es auch wieder nicht gewesen. Und wo ist der Nachweis, dass nach der Antibiotika-Therapie keine Bakterien mehr im Blut der Patientin waren? Die negative Blutkultur, wie man sagt?

Lessons learned

Ich finde es gut, wie das Team offen darüber redet, was womöglich falsch gelaufen ist. Was beim nächsten Patienten beachtet werden muss. Und bin gleichzeitig erschrocken. Lernen am Patienten. In unserer Wunschvorstellung passieren keine Behandlungsfehler. Doch das ist halt leider nur die Wunschvorstellung.

Die Storyline muss stimmen. Am besten nicht erst beim Schreiben des Entlassbriefes. Sondern die ganze Zeit.

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