Bücher-Trends

Bücher und Bücherwände sind ‚in‘. Zumindest, wenn ich mich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis so umschaue. Und auf den Instagram-Accounts, denen ich folge. (Vermutlich gibt es auch ganz andere Gruppen, in denen andere Statussymbole Eindruck schinden.) Manchmal kommt es mir vor, als sei das zur Schau stellen von Büchern dabei sogar ein bisschen wichtiger als das lesen. (Aber diese Vermutung will ich nur gedacht und nicht gesagt haben.)

Ein bisschen steht dieser Bücher-Trend im Widerspruch zu anderen hippen Gewohnheiten. Denn andererseits ist es auch irgendwie gut angesehen, nicht all zu viel Besitz anzuhäufen, und somit örtlich flexibel zu sein – das erleichtert es, in ‚Wanderlust‘ zu verfallen, einen Rucksack zu packen und in die nächste Stadt zu ziehen. Oder noch besser, um die Welt zu reisen. ‚Weltreise‘, ein großes Wort, das auf der Zunge zergeht und mit dem man sich heutzutage auch gerne schmückt: es klingt nach Abenteuersinn, Freiheit und Weltbürgerlichkeit.

Im Trend ist, wer er selbst ist.

Als ich um die zwölf war, hat eine Freundin von mir mal eine Liste gemacht mit Dingen, die sie für ‚in‘ und damit absolut erstrebenswert hielt und Dingen, die sie für ‚out‘ und damit peinlich / kindlich / lächerlich hielt. Ich war damals ganz schön vor den Kopf gestoßen, denn es gab einige Sachen auf der ‚out‘-Liste, die ich damals sehr gern mochte. (Disney’s ‚Arielle‘ zum Beispiel.)

Heute lassen mich derartige Klassifikationen zum Glück nur müde lächeln: Wer mir wirklich frei erscheint, ist jemand, der sich eher wenig nach dem richtet, was sozial erwünscht scheint. (Und damit meine ich kein delinquentes Verhalten, wie der Psychiater es nennen würde.) Sondern jemanden, der nicht jeden Trend mitmacht. Sondern nur den, der ihm gefällt. Seine eigene Meinung hat und auch mal ganz anders tickt als der Rest. Kein Fähnlein nach dem Winde also.

Unter Medizinstudenten gibt es auch ein paar Verhaltenstrends: die einen, die damit kokettieren, dass ihnen Medizin ja eigentlich zu langweilig ist und sie längst nicht sicher sind, ob sie nach dem Studium auch wirklich Arzt werden. Philosophie studieren oder Work and Travel oder eine Bar aufmachen sind beliebte Vorschläge für den Plan B. Andere wiederum legen eine Passion für ihr Studium an den Tag, bei der sich wohl erst noch zeigen wird, ob sie dem Ärztealltag wird stand halten können…

Ganz normal und zufrieden studieren – das ist doch auch ok.

Ich studiere sehr gern Medizin. Und glaube heute, dass ich diese Leidenschaft auch für meinen zukünftigen Beruf werde aufbringen können. Momentan ist das Studium manchmal toll und sehr interessant: besonders dann, wenn ich praktische Erfahrungen sammle in der Klinik mit Patienten oder auf besonders beeindruckende Ärzte treffe. Manchmal ist es aber auch ziemlich müßig: Wenn die Luft raus ist am Ende einer Klausurenphase oder für Fächer, für die ich mir Detailwissen nicht aus Begeisterung und eigenem Interesse, sondern aus Pflichtgefühl aneigne. Ganz normal irgendwie alles, wie vermutlich in vielen anderen Studiengängen auch.

Zurück zu Bücherwänden:

Lernen in der Bib war bisher nicht so meins. Das lag allerdings vor allem an ‚meiner‘ Uni-Bib, deren innere Werte (inmitten ihres 60er-Jahre-Charmes) ich vielleicht noch nicht erkannt habe. Jetzt habe ich einige Tage in einer anderen Bibiothek gelernt: alt und mächtig, mit breiten Treppen aus Holz in einem wunderschönen Altbau. Umgeben von alten Büchern, an einem großen Holztisch, an dem schon Generationen von Studenten vor mir gearbeitet haben, direkt neben einem großen Fenster, der Platz von der Frühlingssonne angenehm aufgewärmt. Umringt von anderen Studenten, die konzentriert an ihren Aufgaben saßen und nach dem Mittagessen auch mal den Kopf auf die Tischplatte legten, um ein bisschen zu dösen. Alles in allem eine sehr gute Atmosphäre, um mich motiviert meinen Aufgaben – meinem Medizinstudium – zu widmen.

Insofern sind Bücherwände wohl nicht nur ein Trend, sondern versprühen tatsächlich einen Charme, der phasenweise im Studium sehr willkommen ist. Und wer weiß, vielleicht laden all die schönen Bilder auf Instagram ja tatsächlich Leute dazu ein, mal wieder ein Buch in die Hand zu nehmen: Lesen bedeutet einzutauchen in andere Seelen, Länder, Kulturen. Und auch ein bisschen, sich selbst dabei zu finden und die zu sein, die wir sind und sein wollen.

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