Kinderarztalltag

‚Du musst Bescheid sagen, wenn es weh tut, ok?‘ Konzentriert und vorsichtig kratzt Doktor Jan mit einem scharfkantigen Löffelchen an der kleinen Stelle am Oberschenkel herum, die Simon nun schon seit ein paar Wochen mit sich herumträgt. Auf dem Gesicht des Achtjährigen breitet sich statt Schmerz hingegen Entspannung aus, fast will ich sein Lächeln als genießerisch bezeichnen. ‚Nein.‘, sagt er, ‚Das ist voll angenehm. Sonst juckt es ja immer so!‘

Hinreißend.

Nicht zum ersten Mal werde ich durch einen unerwarteten Kommentar überrascht, der mich zum Lächeln bringt. Doktor Jan hat schon mehr Erfahrung mit Kinderlogik, er versucht weiterhin sorgfältig, ein paar Hautschuppen zu gewinnen und aufzufangen. ‚Ja, das kann sein, dass es sich jetzt angenehm anfühlt. Aber ich muss dir leider sagen, dass es dafür nachher noch mal um so mehr jucken kann… wir machen am besten gleich etwas Creme und ein Pflaster auf die Stelle.‘

Das Labor wird in den nächsten Tagen zeigen, ob es sich bei Simons juckender Stelle, die ein wenig gerötet und sehr schuppig ist, wie vom Kinderarzt vermutet um einen Pilz handelt. ‚Kann ich denn trotzdem nachher zum Schwimmen?‘, fragt Simon. Doktor Jan schaut ihn skeptisch an. ‚Das wird ein kleines bisschen bluten. Ich fände es ehrlich gesagt besser, wenn du diese Woche eine Pause einlegst, damit das erst wieder richtig zuheilen kann.‘, sein Blick schweift zu Mama, ‚In Ordnung?‘ Mama nickt. Simon ist zwar enttäuscht, aber einsichtig. Das Wort des Arztes hat für beide Gewicht.

Primär kein medizinisches Problem…

Die nächsten Patienten überraschen mich wieder. Allerdings weniger mit Kommentaren als mit der Energie, die die beiden Jungs (Frederik und Tom, 2 und 4einhalb Jahre alt), an den Tag legen. Schon durch die Tür haben wir sie gehört. Auch als ihr Kinderarzt den Raum betritt, lassen sie sich nicht beirren und toben weiterhin umher, als wären sie auf einer Hüpfburg. Ihre Mutter schaut etwas beschämt. ‚Die beiden sind zu zweit so laut wie zehn Kinder!‘, erkennt auch sie. Wird der Lage aber offensichtlich dennoch nicht Herr. Selbst Doktor Jan, dessen Geduld ich bewundere, stößt hier fast an seine Grenzen und muss zwischendurch ein Machtwort sprechen. ‚Frederik! Tom! Ihr müsst jetzt etwas leiser sein, ich verstehe Mama sonst überhaupt nicht!‘

Mama ist besorgt. Aber vor allem überfordert. ‚Könnten Sie auch überprüfen, ob Tom richtig hören kann? Denn wenn ich ihm zum Beispiel sage, dass er sich anziehen soll und seine Kleidung auf dem Bett bereit liegt, ist er manchmal zehn Minuten später immer noch nicht angezogen und ich hab den Eindruck, dass er gar nicht mehr weiß, was ich ihm gesagt habe.‘ Doktor Jan hat die beiden energiegeladenen Tobejungs mittlerweile gründlich untersucht. Er schüttelt den Kopf. ‚Das glaube ich Ihnen, dass das manchmal vorkommt. Aber es liegt nicht daran, dass Tom Sie nicht hören kann. Er hat vielleicht einfach keine Lust darauf und denkt an etwas, was ihn mehr interessiert – und schon ist es vergessen. Da müssen Sie durchgreifen und ihm ganz klare Regeln geben.‘ Mama nickt. Und Doktor Jan hat verstanden, dass das gar nicht so einfach ist für sie. ‚Ich würde Ihnen allerdings vorschlagen, sich mal hier einen Termin zu machen. Das ist die Erziehungshilfe, da bekommen Sie Unterstützung dabei, mit ihren Jungs umzugehen. Die beiden sind klasse und gesund obendrein – aber sie haben sehr viel Energie und es ist nicht immer einfach, die richtig zu leiten.‘

Doktorspiele

Leon ist schon ein echter Profi. Ohne einen Pieps von sich zu geben, lässt er sich brav abhören und atmet besonders tief ein und aus. Als der Kinderarzt sich ihm mit Spatel und Otoskop nähert, weiß er genau, was jetzt kommt und reißt den Mund auf. Doktor Jan lobt ihn. ‚Mensch, toll machst du das! Ganz große Klasse!‘ Mama grinst. ‚Er hat zu Hause auch fleißig geübt. Wir haben auch einen Arztkoffer und den findet er momentan super…‘

Berater und Beruhiger

Als Kinderarzt bekommt man einen tiefen Einblick in das Innere von Familien. Sorgen, Ängste, Unwissen. Beraten wird längst nicht nur in Bezug auf den Umgang mit Krankheiten. Viele Eltern möchten bestätigt wissen, dass ihr Kind sich normal entwickelt, dass ein imaginärer Freund im Alter von vier Jahren kein Grund für eine Psychotherapie ist. Dass ihr Kind nicht therapiebedürftig ist, obwohl es anfängt zu schreien, sobald man es spielerisch über Kopf hält.

Doktor Jan hört zu, greift auf, relativiert, beruhigt. Und schreibt zwischendurch auch mal ein Rezept für den Logopäden oder die Physiotherapie, wenn er selbst Handlungsbedarf sieht; nimmt gelassen auf, wenn Eltern von Homöopathie und Osteopathie berichten. Bezieht Stellung dazu – weiß aber auch, dass Eltern sein Rat ggf. nicht ausreichen wird und sie weitere Experten konsultieren werden. Doktor Jan macht seinen Job mit Leidenschaft, aber auch mit viel Geduld und Verständnis. Seine kleinen Patienten und deren Eltern scheinen das zu schätzen. Und wenden sich vertrauensvoll an ihn, so dass er seine Arbeit machen kann.

Ich schaue ihm gern über die Schulter. Und glaube ihm aufs Wort, als er nach meinen Berufsideen fragt und selbst betont: ‚Kinderarzt – das ist der tollste Beruf der Welt!‘ Denn diese Begeisterung ist deutlich zu spüren.

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4 Gedanken zu „Kinderarztalltag

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