Es war ihnen leider kein Kindersegen beschert

‚Was führt Sie heute zu mir?‘, stellt Doktor T. die mir mittlerweile so wohlbekannte offene Frage, die den Patienten dazu einlädt, loszulegen: seine Beschwerden detailliert / verschämt / besorgt / erstaunt / leidend zu beschreiben; Ängste / Sorgen / Fragen / eigene Krankheitstheorien loszuwerden; kurz und bündig auf Schnupfen / Hals- / Bauch- / Ohrenschmerzen hinzuweisen; lebhaft von Durchfall / Blutungen / Schwindel / Schmerzen zu erzählen.

Eben hat der Arzt bereits die wichtigsten Punkte der persönlichen und der Familienanamnese abgearbeitet; schließlich sieht er den Patienten heute zum ersten Mal. Mitte 30, keine chronischen Erkrankungen, leichtes Übergewicht, keine genetischen Auffälligkeiten in der Familie. Leicht depressive Phasen kommen vor, waren aber bislang nie behandlungsbedürftig. Beruf mit zwei Teilstellen anstrengend aber alles in allem erfüllend, verheiratet, keine Kinder. Und wie sich herausstellt, liegt genau da das Anliegen des Patienten.

‚Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr!‘ Tja, Wilhelm Busch, wenn das mal so einfach wäre…

Der Kinderwunsch des Patienten besteht schon etwas länger, seit etwa zwei Jahren wollen seine Frau und er es ernst werden lassen. In seinem geisteswissenschaftlichen Studium hat er sich mal mit der traditionellen chinesischen Medizin beschäftigt und im Internet gelesen, dass Herr Doktor sich damit auskenne und Paare, bei denen das mit dem schwanger werden nicht so ganz auf anhieb klappt, behandle. Doktor T. nickt, soweit alles richtig. Und ja, es gebe die Möglichkeit, mit chinesischen Kräutern nachzuhelfen. Zuerst sei allerdings eine umfangreiche Diagnostik erforderlich, das ganze könne durchaus etwas dauern und idealerweise käme am Besten das nächste Mal auch die Frau des Patienten mit. Ob die konventionelle Diagnostik denn schon gelaufen sei? Ja, ist sie. Der Patient kramt in seiner Tasche und legt ein Spermatogramm auf den Tisch, das ich erst auf den zweiten Blick richtig lese: die Werte ganz rechts in der Tabelle sind nicht die gemessenen, sondern die Normwerte; und die leere Spalte in der Mitte ist deshalb leer, weil sich im Sperma des Patienten kein einziges Spermium befand, das hätte vermessen werden können. Doktor T. braucht ebenfalls einen Moment, um die Ergebnisse richtig zu lesen; die Tabelle ist unglücklich aufgebaut. Er hat sich vorerst bei den Hormonspiegeln aufgehängt, LH, FSH, Testosteron. Die Vorklinik lässt grüßen. Mich freut es zwar immer, wenn ich merke, wie wichtig Gelerntes in der Praxis ist. Das große Bücherregal hinter dem Ärzteschreibtisch beruhigt mich jedoch gleichzeitig – nachlesen zwischen der Behandlung von Patient A und Patient B ist nämlich durchaus üblich und erlaubt.

Doktor T. klärt seinen Patienten über die nächsten Schritte auf: Terminabsprache vorne bei den Damen, am besten mit Ehefrau, alle vorliegenden Arztbriefe und Laborergebnisse mitbringen, der Termin wird dann etwa eine Stunde dauern und privat abgerechnet, die chinesische Sprechstunde wird bis auf einige Akupunkturbehandlungen nicht von der Kasse bezuschusst. Gleichzeitig muss aber sichergestellt sein, dass die westliche Diagnostik vollständig ist, bei beiden Partnern. Das wäre erstmal das wichtigste, ob der Patient mit diesem Vorgehen einverstanden sei? Ist er. Erleichtert, dass der Stein ins Rollen gebracht wurde, verabschiedet er sich und verlässt das Sprechzimmer.

Diagnostik ist manchmal wirklich ein bisschen so wie bei Dr. House

Als die Tür zufällt, beginnt das Nachdenken. Azoospermie, das vollständige Fehlen von Samenreifungszellen und Samenzellen im Ejakulat. Doktor T. zieht die Nase kraus; das wird schwierig werden und nicht nur die westliche sondern auch die chinesische Medizin könnte da schnell an ihre Grenzen geraten. Er grübelt und schaut noch einmal auf das Spermatogramm, das der Patient ihm dagelassen hat. Da kommt ihm ein Gedanke: Klinefelter! Er schaut mich an, aufgeregt, weil er auf eine mögliche Spur gekommen ist; nicht ganz glücklich über genau diese, weil das für den Patienten keine gute Neuigkeit wäre. Karyotyp 47, XXY, ein X-Chromosom zu viel. Oder sogar mehrere. Zeugungsunfähigkeit. Wir gehen die Liste der anderen Merkmale durch: Leichte Gynäkomastie, ja das ist schon möglich; der Patient hatte einen leichten Brustansatz, den wir auf den ersten Blick auf sein Übergewicht geschoben haben. Verlängerte Gliedmaßen, ja, könnte man ebenfalls so sagen. Hypogonadismus, das haben wir nicht untersucht. Antriebsarmut, geringes Selbstvertrauen, Stimmungsschwankungen; der Patient hatte von depressiven Phasen gesprochen. Doktor T. beschließt, den Urologen, der die bisherigen Untersuchungen veranlasst hat, anzurufen, und die Befunde vollständig anzufordern. Er schaut mich an und verzieht den Mund: Und dann wird man gegebenenfalls einen Humangenetiker mit ins Boot holen müssen, anstatt mit einer Kräutertherapie zu beginnen…

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Ein Gedanke zu „Es war ihnen leider kein Kindersegen beschert

  1. „Hypogonadismus, das haben wir nicht untersucht.“
    Aus solchen Anekdoten nehme ich immer wieder mit, dass die vollständige klinische, und hier andrologische, Untersuchung (auch wenn sie für den Patienten unangenehm sein mag) so unglaublich wichtig ist!
    Und Respekt an den Arzt, dass er offensichtlich klassisch schulmedizinische und alternative Heilmethoden so differenziert einzusetzen weiß.

    Gefällt 1 Person

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