Die Visitenkarte

‚Ach und noch etwas,‘, Herr P., Mitte 40, groß, schlank und gepflegt, die Beine locker überschlagen, gut gelaunt und in Plauderstimmung, lehnt sich nach vorne, ‚ich habe gar keine Visitenkarte von Ihnen! Könnten Sie mir eine geben? Dann habe ich beim nächsten Krankenhausaufenthalt direkt ihren Namen parat, der schreibt sich ja doch etwas kompliziert.‘ Frau Doktor D., die zu all ihren Patienten ein enges, vertrauensvolles Verhältnis hat, unprätentiös, nahbar und bodenständig, schüttelt bedauernd den Kopf. ‚Ich habe gar keine, insofern kann ich damit leider nicht dienen.‘ Herr P. reißt ungläubig die Augen auf und entrüstet sich lautstark und mit großen Gesten. ‚Wie bitte? Sie haben keine? Aber das geht doch nicht!‘, er wendet sich mir zu, ‚das geht doch gar nicht, meinen Sie nicht auch? Frau Doktor, ich bitte Sie, Sie brauchen unbedingt eine Visitenkarte, sagen Sie das mal Ihren Chefs!‘ Doktor D. wendet sich ihrem Bildschirm zu und räuspert sich, ‚Um ehrlich zu sein liegt es eher an dem Chef, das ich bisher keine habe, äheeem.‘

Ob dem Chef denn das nicht peinlich sei

Nun is Herr P. erst recht empört. Zudem hat er bemerkt, dass auf dem Schreibtisch sogar Visitenkarten stehen – allerdings den Namen des Chefs tragen. Er beginnt mit einer neuen Tirade darüber, dass es doch selbstverständlich für eine Hausärztin sein müsste, über ihre eigenen Visitenkarten zu verfügen. ‚Da müssen Sie sich aber mal stark machen, Frau Doktor, das muss ich aber sagen. Seien sie da hartnäckig! Reden Sie mit Ihrem Chef! Und sagen Sie ihm, ich hab’s, sagen Sie ihm, dass – wenn Sie nicht bald Ihre eigene Visitenkarte haben – Herr P. Ihnen welche drucken wird, auf eigene Kosten. Und fragen Sie ihn, ob ihm das nicht doch etwas peinlich sei. Ja, sagen Sie genau das!‘ Doktor D. amüsiert sich über diese Vorstellung. ‚Lachen Sie nicht, Frau Doktor, ich meine das ernst! Das mache ich wirklich! Ich habe schon ganz andere Sachen gemacht!‘, echauffiert sich Herr P. nach wie vor.

Ich muss ihm Recht geben. Heute früh ist Frau Doktor D. über einen wichtigen Befund gestoßen, der einen ihrer Patienten betraf, und den sie bisher übersehen hatte. Grund: Adressiert worden war er nicht an sie. Sondern an den Chef; wie vermutlich der Großteil der Korrespondenz. Insofern: Lasset uns folgen dem netten Herrn P. und fordern: Visitenkarten für alle Ärzte in der Praxis! Aus Respekt und Anerkennung, einerseits. Im Sinne des Patientenwohls, andererseits.

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2 Gedanken zu „Die Visitenkarte

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