‚Ich will zur schönen Sommerzeit ins Land der Schotten fahren‘ (Teil 1)

Der West Highland Way ist ein Fernwanderweg und führt über 154km von Glasgow Richtung Norden nach Fort William. Wunderschön! Viele Wanderer sind mit Zelt und Schlafsack unterwegs – wir haben uns für die Luxusvariante ‚Hostels‘ entschieden und fühlen uns in dieser Wahl (inklusive warmer Dusche und Trockenraum für unsere Schuhe) bestärkt: Denn Regen ist zu dieser Jahreszeit in Schottland offensichtlich vorprogrammiert. 

Tag 1 : Traditionelle Gemütlichkeit

English Tea und Scones zur Ankunft waren uns bei der Reservierung angekündigt worden. Doch dass beides sooo gut tun würde, hätten wir nicht erwartet: die Scones knusprig und angenehm dampfend warm, so dass die salzige schottische Butter zerläuft, der kräftige Tee mit bestimmt nicht fettarmer Milch. Serviert in der gemütlichen großräumigen Küche der zu einem Hostel umgebauten ‚Community Hall‘ der Kirche des kleinen Ortes. Nach 19,5km entlang hübscher Felder, bei ziemlichem Nieselwetter, ist die warme heimelige Herberge genau das, was wir brauchen.

‚22,5km‘, korrigiert später eine der vier dänischen Rentnerinnen, die kurz nach uns angekommen sind, die Angabe des Wanderführers, und zeigt vieldeutig auf ihr schwarzes Armband, das scheinbar eine andere Streckenlänge gemessen hat. Ein klein wenig empört ist sie darüber, dass sie mehr hat laufen müssen, als erwartet. Mein Blick trifft den meiner Schwester. Wir sind beeindruckt über so viel Rüstigkeit im Alter. Zwar lassen sich die Damen ihr schweres Gepäck jeden Tag hinterherfahren. Unser Respekt vor ihrer Leistung ist dadurch aber nicht im geringsten gemindert. Oder, wie Judith, die sympathische Israelin, die vor Beginn ihres Master-Studiums noch eine Schottland-Tour macht, es schmunzelnd ausdrückt, ‚So viel Energie. Das macht mir Hoffnung!‘.

Tag 2 : Die Wasserprobe

Von Süden nach Norden solle man den Weg wandern. So habe man im Zweifelsfall den Wind im Rücken und die Landschaft werde im Laufe der Woche beeindruckender. Am nächsten Tag fangen wir an, dem Reiseführer zumindest was letzteren Punkt betrifft, Glauben zu schenken: Wir kommen in die Highlands und es erwarten uns die ersten atemberaubenden Aussichten über grasbewachsene Hügel, einen weitläufigen See, farbenprächtige braun-beige-grüne Landschaften. Die Luft ist frisch und obwohl der erste erklommene Berg fast mehr ein Hügel ist, sind wir ein bisschen stolz. Und vor allem: fühlen uns glücklich und gesund.

Als wir nach 25km in der Jugendherberge ankommen (‚die schönste Schottlands‘) sind die tollen Eindrücke des ersten Teils der Wanderung allerdings etwas in den Hintergrund gerückt. Die letzten drei Stunden sind wir durch strömenden Regen gegangen, längst haben unsere Regenjacken und auch die Wanderschuhe die Feuchtigkeit nicht mehr abhalten können. Doch wir merken, dass wir noch Glück hatten. Vor der Rezeption staut es sich. Zwei Frauen, ebenfalls aus Deutschland, sind am Verhandeln. ‚Und im Aufenthaltsraum? Oder wenn uns jemand im Zimmer einfach auf dem Boden schlafen ließe, ginge das?‘ Doch keine Chance: Die Herberge ist komplett ausgebucht. Meine Schwester schaut mich an, zieht vielsagend die Augenbrauen hoch und kneift die Lippen zusammen. Was für ein Glück wir doch hatten, dass wir schon gestern bemerkt haben, dass die Unterkunftssuche sich schwieriger gestaltet, als ursprünglich erwartet, und vorgesorgt haben…

Tag 3 : Fabelhaftes

Die großen Fenster geben den Blick frei auf die spiegelnde Oberfläche des Sees, die heute früh ruhig und glänzend vor uns liegt. Gestern hatte der starke Regen (14 Liter pro Quadratmeter, wie uns ein eifriger Mitreisender später erzählt hat) kurz nach unserer Ankunft nachgelassen. Stattdessen war ein heftiger Wind aufgezogen. Fast schon ein Sturm. Insofern schätzen wir die gute Laune der Natur heute umso mehr und beeilen uns, loszukommen.

Die Etappe war als eine der schwierigsten beschrieben worden: entlang eines schmalen Pfades direkt am See, zum Teil einige Meter darüber, insgesamt nicht zu unterschätzen. Je weiter wir laufen desto mehr wundern wir uns über diese Beschreibung, denn schwierig finden wir den Weg ganz und gar nicht. Eher besonders schön, weil nicht so langweilig! Die Sonne scheint durch das dichte Blätterdach hindurch auf das kräftige helle Moos, das im Wald Baumstämme, Findlinge und alles, was dazwischen ist, überwuchert hat. Ich muss an Geschichten über Zwerge, Hobbits und andere Fabelwesen denken. Diese Landschaft regt die Fantasie an!

Fortsetzung folgt. Falls ihr zwischenzeitlich Appetit auf Scones bekommen habt, anbei das Rezept

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