‚Ich will zur schönen Sommerzeit ins Land der Schotten fahren‘ (Teil 2)

Der West Highland Way ist ein Fernwanderweg und führt über 154km von Glasgow Richtung Norden nach Fort William. Wunderschön!

Tag 4: Hitchhiken

Wandern ohne Gepäck! Bzw. zu zweit mit nur einem Wanderrucksack, der fast leer ist und im Vergleich zu unserer sonstigen 10-kilo-Last federleicht auf unseren Hüften thront. Denn wer es selbst schon einmal wandern war, weiß: Die Henkel um die Schultern halten den Rucksack eher nah am Körper, als wirklich Gewicht auf sich zu nehmen; das wird lieber in der Nähe des eigenen Schwerpunkts direkt auf das Becken übertragen. (Ach, ich mag solche medizinisch-mechanisch-praktischen Überlegungen!)

Aus der Not heraus haben wir am Vortag einen Bus nehmen müssen und nun in einer Herberge geschlafen, in der wir auch die nächste Nacht verbringen werden – alles andere war bereits ausgebucht. Heute früh hatten wir Glück und ein außerordentlich nettes englisches Ehepaar, das sich nach zwei Wochen Schottland auf die Rückreise gemacht hat, hat uns an unseren Startpunkt mitgenommen. Schließlich wollen wir ja nicht schummeln und trotzdem die gesamte Strecke des West Highland Ways erwandern! (Dass wir heute nicht alle unsere Sachen tragen, ist selbstverständlich nicht Schummeln, sondern Schicksal.)

Nach einem ausgiebigen Full Scottish Breakfast (das sich nicht wesentlich vom Englischen unterscheidet, bis auf den Blutpudding vielleicht) in einem Pub mit holzvertäfelten Wänden und mit kariertem Tweed bezogenen Barhockern und Sesseln brechen wir beschwingt auf. Das Gehen fällt uns heute leicht, was mit Sicherheit zu einem Teil dem leichten Gepäck geschuldet ist; aber vermutlich haben sich unsere Gelenke und Muskeln auch langsam an die Belastung gewöhnt und wir uns eingewandert. Wir treffen auf ungewohnt wenige Mitstreiter, genießen Hügel mit grasenden Schafen, frische Luft und selbst den leichten Nieselregen, der bei dieser Dosis fast schon erfrischend ist. Herrlich!

Nur nachmittags drohen wir enttäuscht zu werden: Etwa fünfhundert Meter vor dem Ziel sehen wir den Bus vorbeifahren, der uns zu unserem Hostel hätte mitnehmen können; der nächste kommt erst in zwei Stunden. Mist! Kurzerhand wollen wir es jedoch zumindest nicht unversucht lassen und stellen uns mit ausgestrecktem Daumen an die Straße. Und siehe da: Es ist wohl unser Glückstag. Nach keinen zwei Minuten lädt uns – wiederum – ein nettes englisches Ehepaar ein. Nur etwas jünger ist es diesmal. Danke für so viel Herzlichkeit!

Tag 5: Fun Times

Sollten wir heute wirklich aufbrechen? Gestern Abend hatte sich im gemütlichen Gemeinschaftsraum ein kleines Drama abgespielt. Am schwarzen Brett hatte der Wetterbericht für den nächsten Tag ausgehangen: Für den gesamten Tag war schwerer Regen angekündigt worden. Meine Schwester und ich waren bisher einfach drauflos gegangen, ohne uns Sorgen zu machen oder gar auf den Wetterbericht zu schauen; dass es in Schottland immer mal regnen würde, darauf waren wir ja eingestellt gewesen. Und so hoch in den Bergen, dass ein Unwetter nicht nur ungemütlich sondern auch gefährlich werden könnte, waren wir ja nicht. Hatte ich zumindest gedacht. Doch nun waren Zweifel aufgekommen. Waren wir zu naiv gewesen?

Denn gestern hatte ein kleiner älterer Brite mit langen roten Haaren und langem roten Bart (ich hatte ihn meiner Schwester gegenüber erst als Hobbit bezeichnet, sie hatte ihn dann treffender Zwerg genannt) eindrucksvoll und intensiv, mit weit aufgerissenen Augen und in fast schon poshem sehr deutlichen BBC Englisch allen (wer es nun hören wollte oder nicht) davon berichtet, wie sehr man dem Wetter gerade auf der nächsten Etappe ausgesetzt sein werde. Wie schnell man von oben bis unten durchnässt sein, wie sehr der Wind an einem reißen würde. ‚It’s not gonna be fun!’ Als er dann jedoch auch noch hinzugefügt hatte, dass es durchaus möglich sei, an ‚exposure’, also an ‚dem-Wind-und-Wetter-ausgesetzt-sein’ zu sterben, war uns klar geworden, dass der gute Mann es sicherlich gut meinte mit uns allen; dass er aber vielleicht auch selbst einfach sehr ängstlich war.

Und so sind wir trotzdem aufgebrochen. Und ja, der Wetterbericht war nicht ganz falsch, wir sind relativ nass und lassen uns vom Wind durchpusten. Genießen aber nicht weniger die breite Ebene, durch die wir laufen. Und haben für die Mittagspause sogar einen ruhigen Platz an einem Fluss gefunden, direkt neben der Brücke, auf dem unser Wanderweg verläuft; und vom Wind abgeschirmt Brot, Tomaten und Avocado gegessen. Als wir am Ende der Strecke ankommen, sind wir dafür umso glücklicher darüber, in einen angenehm warmen Pub einzukehren, aus den nassen Regensachen rauszukommen und Pommes zu gönnen; zu genießen. Wir haben überlebt! And actually – we did have fun!

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