Sommer in der Notaufnahme

‚Guten Morgen alle zusammen! Wie geht es euch?‘ Dr. Rachid begrüßt seine Kollegen sehr herzlich. Den freudigen Reaktionen der Schwestern nach zu urteilen, ist er der Lieblingsarzt von vielen. Es wird gewitzelt, gelacht, nett herumgeschäkert. Dann nimmt Rachid mich ins Visier. ‚Dich kenne ich noch nicht! Wer bist du?‘ Ich bin etwas überrascht, freue mich aber darüber, als Person wahrgenommen zu werden. Die ersten zwei Tage waren interessant und meine Kommilitonen und die jungen Assistenzärzte haben mich sehr freundlich aufgenommen. Insgesamt ging es auf der Notaufnahme aber recht stressig zu. Deutlich war zu spüren, dass der Betrieb hier niemals schläft. Ich fand es nicht ganz einfach, den Überblick zu behalten und jeder schien daran gewöhnt zu sein, zusammenzuarbeiten, ohne sich etwas ausführlicher miteinander bekannt gemacht zu haben. Irgendwie logisch, denn durch die Schichtdienste und die Rotation des Personals entstehen ständig neuen Teams. Assistenzärzte bleiben nur für sechs Monate, Studenten für drei, unzählige Zusatzkräfte aus anderen Fachbereichen erscheinen für die Nacht- und Wochenendschichten. Aber sehr nett ist es trotzdem, wenn man sich ein wenig kennenlernt – auch, wenn man nur einen Tag zusammenarbeitet.

Betreuung durch den Oberarzt

So erfahre ich, dass Rachid ursprünglich aus Südindien kommt, er vor kurzem Vater geworden ist und findet, dass Arbeit auch Spaß machen sollte. Heute macht er es zudem zu seiner Aufgabe, mich zu den interessantesten Fällen dazuzuholen. Als Oberarzt hat er ein Auge auf die kurzen Aufnahmebögen, auf denen die Krankenschwestern bereits grob zusammenfassen, warum ein Patient erschienen ist. ‚Hattest du schon mal einen Patienten mit einem Rückentrauma? Geh mal zu Madame R. und mach die Aufnahme, Zimmer 3. Aber auf keinen Fall mobilisieren, das versteht sich von selbst, denke ich!‘

Madame R. ist Anfang 40 und hatte heute früh Pech. Auf dem Weg zur Arbeit ist sie mitten auf einer Treppe gestürzt, einige Stufen rückwärts gefallen und unglücklich auf dem Rücken aufgekommen. Unmittelbar verspürte sie einen stechenden Schmerz in der unteren Brustwirbelsäule. Jetzt ist sie auf einer Trage fixiert und traut sich nicht, sich zu rühren. Sensibilität und Motorik sind in den Beinen zum Glück unversehrt geblieben, die Durchblutung ist normal. Das Rückenmark scheint keinen Schaden genommen zu haben. Als ich fertig mit der körperlichen Untersuchung bin, die ansonsten keine weiteren Auffälligkeiten ergeben hat, fragt Madame R., ob sie die Beine anziehen könne, so starr auf dem Rücken liegen werde langsam ungemütlich. Leider muss ich ihr diesen Wunsch verwehren, jede Bewegung ist zu vermeiden solange die Patientin noch nicht im CT war und die Verletzung ihres Rückens beurteilt wurde.

Im Ärztezimmer tippe ich die Krankengeschichte ein und dokumentiere die Untersuchungsergebnisse. Rachid verbessert mich: Lieber kurz und knapp als ganze Sätze, wichtig ist die Vollständigkeit, aber die Kollegen sollen möglichst auf einen Blick die relevanten Hintergrundinformationen erkennen können. Dann schickt er mich zu Monsieur P., epileptischer Anfall heute früh. Nach meinem Praktikum in der Neurologie fällt es mir leicht, die wichtigen Fragen zu stellen. Bissspuren auf der Zunge? nein. Urinverlust? ja. Sturz? zum Glück nicht, der Patient hatte sich vorab schwach gefühlt und schon hingesetzt, somit war er einigermaßen sanft von der Bank geglitten. Verletzungen am Kopf sind nicht zu sehen. Bewusstlosigkeit im Nachhinein? nein. Auslöser? Monsieur P. knirscht unwillig mit den Zähnen. Er macht sich selbst Vorwürfe: Seine Epilepsie ist seit langem bekannt aber medikamentös gut kontrolliert. Der letzte Anfall liegt drei Jahre zurück. Jetzt hat seine Pharmacie aber gerade Sommerpause und er hat sich nicht rechtzeitig seine Medikamente verschafft. Seit drei Tagen nimmt er nur eines der beiden Produkte, die mittlerweile eigentlich zu seinem Tag dazugehören wie das Zähneputzen. Und der letze Anfall liegt so lange zurück, dass er sich irgendwie in Sicherheit wog…

Ein bisschen Spaß muss sein…

Als ich ins Ärztezimmer zurückkomme, juchzen die Krankenschwestern vor Vergnügen. Die Klimaanlage funktioniert nur mäßig, die Hitze des Sommertages macht uns allen zu schaffen. Aus Sicht von Dr. Rachid also die richtigen Bedingungen, um mit einer großen Spritze ausgestattet einen kleinen Wasserschlachtangriff zu starten. Spielerich ernst bekommt er eine Verwarnung ausgesprochen. ‚Sei bloß vorsichtig, ein Angriff auf uns ist ein Angriff auf das gesamte Team!‘ Und keine fünf Minuten später hat auch er einen nassen Nacken, was ihn bei den herrschenden Temperaturen allerdings nicht unbedingt stören dürfte.

Madame C. kommt mit Atemschwierigkeiten seit heute früh. So etwas hatte sie noch nie. Als sie mir zudem eine Stelle kurz unter der Kniebeuge zeigt, die ihr wehtut, erhärtet sich die Verdachtsdiagnose, die auch Rachid schon im Kopf hatte: Phlebitis (entzündete Beinvenen) und infolgedessen eine akute Lungenembolie. Madame C. bekommt eine Röntgen-Thorax-aufnahme. Mittlerweile ist es fast Mittag und die Notaufnahme hat sich gefüllt. Die acht Untersuchungsräume sind nun durchgehend belegt, auf dem Flur warten die Patienten auf ihre Untersuchungen. Madame C. bittet mich um ein Glas Wasser, denn auf dem Flur gibt es keine Klimaanlage.

Der nächste Patient, den ich aufrufe, ist nicht mehr aufzufinden. Immer wieder kommt es vor, dass die Patienten so lange warten, dass sie irgendwann keine Lust mehr haben und nach Hause gehen. Den Ärzten ist das nicht unbedingt unrecht: Denn sie wissen, dass sich dabei meist von selbst die Spreu vom Weizen trennt. Und diejenigen, die nach Hause gehen, nicht so schwer krank sind, dass aus ärztlicher Sicht das Aufsuchen der Notaufnahme notwendig war. Obwohl ich grundsätzlich finde, dass die Notaufnahme sauberer, moderner und personell großzügiger besetzt sein könnte, denke ich darüber nach, ob sie nicht vielleicht auch ganz bewusst ein bisschen ungemütlich belassen wird, damit sie auf die Patienten nicht all zu einladend wirkt.

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