Stippvisite in der Zahnmedizin

Dr. Hubert ist wütend. In ihren Händen hält sie die Zahnprothese ihres 68ährigen Patienten, um dessen Anpassung dieser seine Ärztin gebeten hat. Eigentlich nicht ihre Aufgabe, dies hätte von demjenigen gemacht werden sollen, der die Prothese auch angefertigt hat. In diesem Fall einer niedergelassenen Zahnärztin aus Paris. Ein paar Minuten lang hat sie sich bemüht, doch vergeblich, ihr fehlt das passende Werkzeug. ‚Wie viel haben Sie dafür bezahlt? Das war doch bestimmt nicht ganz billig?‘ Der Patient entrüstet sich nun ebenfalls, die Aufregung der zierlichen aber sehr temperamentvollen Medizinerin um die 60 springt auf ihn über.  Doch sein Französisch ist gebrochen und allgemein wirkt er sehr gutmütig, so dass ich mir vorstellen kann, dass es ihm schwer fällt, sich sein Recht zu erkämpfen. ‚200€. Das ist sehr viel Geld für mich.‘ Die Ärztin unterstützt ihn und lässt ihrem Unmut über die Kollegin freien Lauf. Er solle seine Zahnärztin erneut aufsuchen und ihr beste Grüße von Dr. Hubert aus der Uniklinik ausrichten. Er hätte für eine gut sitzende Zahnprothese bezahlt und nicht für ein Modell seiner Zähne, das er sich in den Schrank stellen kann. Sie empört sich zutiefst über die dreiste Kollegin, die eine Leistung abgerechnet hat, ohne sie vollständig auszuführen.

Dann widmet sich Dr. Hubert ihrer eigentlichen Aufgabe: der Behandlung des starken Karies, der ihren Patienten plagt. Nahezu alle Zähne sind betroffen. Drei der vorderen unteren Schneidezähne sind bereits weggefault, daher auch der dringende Bedarf einer Prothese. Übeltäter Nummer eins in vielen Fällen, erklärt sie mir: Coca Cola. ‚Wenn man das mal trinkt, ist es ok. Aber den ganzen Tag, dann hat man innerhalb kürzester Zeit solche Zähne!‘ Ich sehe dem Patienten an, dass er sich gern einmischen will. An den zahnärztlichen Behandlungsstuhl gefesselt ein etwas schwieriges Unterfangen. Er nutzt eine kurze Pause und erklärt mir, dass es bei ihm die Radiotherapie war, die Schuld ist an seinem schlechten Zahnstatus. Erst jetzt bemerke ich die große Narbe an seinem Hals. Nach den Erfahrungen in der HNO kann ich mir schnell zusammenreimen, wie die OP ungefähr ausgesehen haben könnte, der sich der Patient aufgrund einer Krebserkrankung im Rachenbereich hat unterziehen müssen. Die anschließende Bestrahlungstherapie hilft, übrig gebliebene Krebszellen abzutöten, zerstört aber leider auch das Gewebe der Speicheldrüsen, so dass die betroffenen Patienten danach kaum mehr Speichel produzieren können. Und der ist äußerst wichtig für die Reinigung und den Schutz der Zähne.

Eigentlich machen Studenten der Allgemeinmedizin keine Praktika beim Zahnarzt. Ich bin heute nur hier, weil ich nicht wusste, dass sich hinter ‚Stomato‘ im Wesentlichen die chirurgische Seite der Zahnmedizin verbirgt. Aufgrund eines Missverständnisses also. Sinnvoll finde ich es trotzdem. Immerhin hat die von unserer Seite initiierte Behandlung teils starke Auswirkungen auf die Zähne eines Patienten. Und Prozesstransparenz mochte ich schon immer. (Auch wenn das Wort irgendwie unpassend klingt, wenn man von Menschen redet.)

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