Wenn du an die Quelle gelangen willst, musst du gegen den Strom schwimmen.

Ich muss schmunzeln, als mir Marion mit einem gewissen Trotz erklärt, warum sie ihre Ausbildung zur Assistenzärztin erst mit 26 angefangen hat. Sie habe sich bewusst ein Jahr länger Zeit gelassen. Und fühle sich wohl damit, bei der Verantwortung, die sie von Anfang an habe übernehmen müssen, sei es nicht schlecht. Ich kann ihre Argumente vollkommen verstehen. Schade nur, dass sie fast wie eine Rechtfertigung daherkommen. Scheinbar hat sich Marion schon öfter erklären müssen. Ihre Kollegin Clémence ist gerade 24 geworden, da ist sie vergleichsweise natürlich echt alt.

Das Medizinstudium in Frankreich ist äußerst kompetitiv. Die besten zehn bis zwanzig Prozent der Studienanfänger dürfen ihren Werdegang nach dem ersten Jahr fortsetzen; die anderen wenden sich der Pflege oder einer Naturwissenschaft zu oder werden zum Beispiel Hebammen. Etwas, was in die Richtung geht, aber halt nicht das Medizinstudium ist, denn auch in Frankreich gibt es hierfür deutlich mehr Bewerber als Plätze zur Verfügung stehen. Nur, dass man sich hier nicht über die Abiturnote qualifiziert, die in Deutschland weiterhin eine sehr große Rolle spielt, sondern am Ende des ersten Jahres zeigen muss, dass man zu den besten gehört. Fair irgendwie, aber auch ein unglaublich großer Druck, der auf den oft erst 17- oder 18-Jährigen jungen Menschen lastet. Am Ende des Studiums kommt es noch einmal ausschließlich auf die Abschlussnote an. Auf einem nationalen Ranking* bekommt jeder seinen Rangplatz und wer unter den Erstplazierten ist, hat die freie Wahl, was Facharztausbildung und Ort betrifft. Die besten Studenten werden Augenärzte und Radiologen in Paris (da verdient es sich gut und man hat angenehme Arbeitszeiten), die weit hinten platzierten Allgemeinmediziner in der Provinz. Augenärzte und Radiologen, die Krönung der Medizinerschöpfung?

Marion kann diesem System etwas abgewinnen, sie findet es fair. Es stimmt, Vitamin B spielt hier zu diesem Zeitpunkt keine Rolle. Dass es in Deutschland am Ende des Studiums auch eine praktische Prüfung gibt, gefällt ihr dagegen gut. Und ihr sei mittlerweile bewusst geworden, dass das französische System nicht unbedingt den Einzelnen unterstütze, seinen eigenen Weg zu gehen, sondern dass es eine sehr klare Wertung gebe, welche Wege die angeseheneren seien und welche die, die man halt nehme, wenn man für etwas anderes nicht gut genug war. Sie berichtet, dass sie während ihres Studiums immer dachte, das einzig wahre Medizinerleben hätte man an einer Uniklinik in Paris. Nun sitzen wir in der Kantine eines kleinen Kreiskrankenhauses außerhalb von Paris, aus dem Fenster sind Wiesen sichtbar, die Landschaft ist hügelig, die Häuser haben einen rustikalen Landhausstil und großzügige Vorgärten. Ich genieße es jeden Morgen, hier anzukommen und meine Lungen mit frischer Luft zu füllen, einen freien Himmel zu sehen und dem Pariser Großstadtlärm zu entkommen. Marion stimmt mir zu. Sie habe erst hier gemerkt, was für ein erfülltes Arbeitsleben man auch außerhalb der prestigeträchtigen Pariser Hospitälern haben könne. Dazu komme die entspanntere Stimmung unter den Angestellten, die auch ich wahrgenommen habe. Ich beobachte mehr Vertrautheit unter den Mitarbeitern, über die Berufsgruppen hinweg, und auch ich als Erasmus-Praktikantin werde jedem vorgestellt, obwohl ich nicht lange da sein werde. In Paris war dies vielen die Mühe nicht wert oder sie waren so überarbeitet und gestresst, dass einige Regeln der Höflichkeit über den Tisch fielen.

Karriere. Worum geht es dabei? Ich habe weitaus mehr Achtung und Respekt vor Menschen, die ihren Weg gehen und dabei vielleicht auch auf Status und Geld verzichten, als vor Leuten, die brav eine Leiter hochklettern und dabei gar nicht merken, dass sie das mehr aus gesellschaftlicher Erwartung als  aus ihrem inneren Bestreben heraus tun. Die französischen Medizinstudenten haben besonders wenig Zeit, über den Tellerrand zu schauen und dabei zu verstehen, welche Schritte sie gehen möchten. Kein Luxus langer Semesterferien und freier Famulaturwahl (möglicherweise in anderen Städten oder im Ausland). Mehr Druck, die Tage in der Bibliothek zu verbringen. Viele besuchen für eineinhalb Jahre zweimal die Woche private Abendseminare, um sich noch besser auf die große Prüfung vorzubereiten. Und ab dem vierten Jahr stehen jedem zwei Wochen Urlaub pro Quartal zur Verfügung, die zum Teil für Prüfungsvorbereitungen draufgehen.

Insofern sollte Marion eher mit erhobenem Haupt von ihrem Extrajahr berichten. Denn sie hat sich getraut, sich dem System nicht komplett zu unterwerfen. Eine Mini-Rebellion. Deutlich schwieriger, als immer mitzulaufen.
*Besagtes Ranking der Medizinabsolventen wird obendrein frei ins Internet gestellt. Scheinbar haben die Franzosen weniger Sorgen, was Datenschutz betrifft. Falls es euch interessiert, googelt einfach ‚Classement National ECN‘ und ihr werdet fündig werden.

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