Blaue Hütchen

Irgendetwas ist heute anders. Aber was? Ich schaue mich um in der Runde der Assistenz- und Oberärzte. Ach so, Schlümpfe. An anderen Tagen trägt keiner eine Kopfbedeckung aus dem OP und schon gar nicht die hellblauen Hauben ohne Gummizug, die mich jedes Mal erneut an die kleinen türkisblauen Zwerge erinnern. Obwohl die natürlich weiße Hütchen tragen. Heute haben sich gleich drei der Assistenzärzte damit geschmückt. Ob sie auf Abruf in den OP oder Kreißsaal sind?

Nein. Ich bin nicht die einzige, der der veränderte Dresscode aufgefallen ist. Nach der Morgenbesprechung erklärt Marlène, Assistenzärztin auf der Station für Risikoschwangerschaften, auf Nachfrage einer anderen Studentin: Das Tragen der OP-Hauben ist ein Zeichen der Solidarität mit einigen der Hebammen. Hebammen muslimischen Glaubens, denen es aus säkularen Gründen verboten ist, während der Arbeit in einem staatlichen Krankenhaus ein Kopftuch zu tragen. Die sich ohne Kopftuch aber nackt fühlen. Und die deshalb entschieden haben, die OP-Hauben dauerhaft zu tragen. Quasi als Kopftuchersatz. Was der Krankenhausleitung aber auch nicht recht ist, schließlich handele es sich um Material des Krankenhauses, das nicht zweckentfremdet verbraucht werden soll.

Ein schwieriges Thema. Mir fällt ein, dass ich auch schon einige Studentinnen mit Kopftuch im Krankenhaus gesehen habe, damals ohne mir darüber Gedanken zu machen. Verwunderlich fand ich es nicht, denn schließlich studieren an meiner Uni viele Franzosen mit Migrationshintergrund, der Großteil von ihnen muslimischen Glaubens. Sie stammen zum Beispiel aus Algerien, Mali, Senegal. Nicht alle von ihnen tragen deshalb ein Kopftuch, aber hin und wieder sieht man es dann doch. Vor einiger Zeit bin ich auf dem Campus einer jungen Frau über den Weg gelaufen, die ein Gewand anhatte, das dem Ganzkörperschleier schon recht nahe kam, obgleich ihr Gesicht unverhüllt blieb. Das war dann schon etwas seltsam. Aber sonst… In Frankreich darf kein Vertreter des Staates während seiner Arbeit öffentlich sichtbare religiöse Symbole tragen. Das ist konsequent, aber gerade was das Kopftuch betrifft für einige Frauen dann doch auch schwierig. Schade eigentlich, dass die Idee mit den Hauben nicht geklappt hat. Irgendwie wäre das aus meiner Sicht eine elegante Lösung des Konflikts gewesen, ein guter Kompromiss. Vielleicht bewirkt der stille Protest der Assistenzärzte ja etwas. Dieser ist übrigens nicht ganz und gar uneigennützig, wie Marlène uns verrät: Sie und ihre Kommilitonen befürchten auch die deutlich erhöhte Arbeitslast, die auf sie zukäme, wenn die Hebammen ihre Drohung ernst machen und das Krankenhaus verlassen würden, sollte es keine Einigung geben… Denn so schnell ist qualifiziertes Personal für den Kreißsaal nicht zu finden. Ich bin gespannt, wie die Geschichte weitergeht.

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