Schöne neue Welt

Amelie gibt einen piepsigen Laut von sich. Ihr kleiner Körper unter dem sterilen grünen Tuch windet sich. Die Schwester ist angespannt, ihr Blick konzentriert, „ja, das ist ungerecht, du wirst hier gequält und weißt gar nicht, warum“. Bloß nicht aufgeben. Zum fünften Mal versucht sie nun schon, eine von Amelies zarten, kaum sicht- oder tastbaren Venen zu treffen. Mit einer Nadel, die neben Amelies Unterarm, der kaum länger ist als die Finger der Krankenschwester, grausam groß erscheint.

Amelie hat seit zwei Tagen Durchfall, seit gestern Abend ist er blutig. Darum hätten die Ärzte gern einen Venenkatheter, so dass sie Amelies Blut untersuchen und ihr über einen Tropf Nährstoffe zuführen können. Am gepeinigten Darm vorbei, so dass dieser sich erholen kann. Proben werden gegenwärtig im Labor untersucht, der Verdacht auf eine nekrotisierende Enterokolitis steht im Raum. Dieses Krankheitsbild beschreibt eine gefürchtete Entzündung der Darmwand und trifft vor allem Frühgeborene wie Amelie. Wobei die zwei Röntgenaufnahmen von ihrem Bauch unauffällig waren, was nicht ganz ins Bild passt.

Die Visite zieht weiter zum nächsten Bettchen. Oder besser Inkubator. Zwischen den Oberärzten gibt es Unstimmigkeiten. Offen gestritten wird um Kleinigkeiten, der Arzt hat von „ihr“ gesprochen, dabei handelt es sich bei dem Frühgeborenen um einen Jungen. Bissig hat seine Kollegin ihn korrigiert. Der gestandene Arzt mit ergrautem Haar, Brille, Wohlstandsbäuchlein und viel Geduld für uns Studenten; gestern hat er uns erklärt, wie ein Röntgen-Thorax eines Frühchens zu lesen ist, heute sprechen wir über physiologische Darmflora und Stuhltransplantationen. Und die Ärztin Mitte dreißig, groß und stämmig, in Nilonstrumpfhose und auf Absätzen. Auch sie hat uns gestern ausführlich die Krankheitsbilder ihrer Patienten erläutert. Warum es zwischen den beiden nicht harmoniert, ist mir ein Rätsel. Aber unterschwellig ist eine unangenehme Antipathie spürbar. Etwas angespannt sind beide, verständlicherweise, die Versorgung von Frühchen ist nicht immer einfach und die Angst davor, etwas zu übersehen oder falsch zu entscheiden, ist latent immer präsent. Ich hatte gedacht, dass gerade auf so einer Station das Wohl der Patient im Mittelpunkt stehen müsste und ich auf vorbildliche Teamarbeit stoßen würde. Aber die schöne heile Welt existiert scheinbar nirgends.

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