Morgenröte

Gegen halb sechs ist sie wach. Schleicht sich aus dem Schlafzimmer, ihr Baby noch selig schlafend; auch, um ihren Mann, der gestern Abend erst gegen elf von der Arbeit nach Hause gekommen ist, nicht zu wecken. Läuft durch den Wohnraum in den kleinen Garten, von dort in die offene Küche. Wird begrüßt von der Katze, die sie aufgenommen hat, und die dafür sorgt, dass mittlerweile nachts keine Ratten mehr unter dem Dach hin und her wetzen. Es wird bereits hell.

Lili ist Psychologin und arbeitet an der Uni.

Das kleine Haus ist das letzte in der Straße, einer Sackgasse eines kleinen bescheidenen Wohnviertels. Gegenüber steht das Grundstück leer, einige Nachbarn haben angefangen, den Boden zu nutzen und bauen Gemüse an. Lili gibt ihnen dafür manchmal ein bisschen Geld, für Samen und Erde. Dafür hat sie hin und wieder etwas von der Ernte geschenkt bekommen. Zucchinis, Spinat. Die Straße ist nicht gepflastert. Kurz nach ihrem Einzug vor sechs Jahren ist der Investor des Viertels pleite gegangen. Daher steht auch das Grundstück gegenüber leer. Ursprünglich sollte dort ein Spielplatz hin.

Lili bewegt sich langsam. Wie die meisten Indonesier scheint sie selten in Hektik oder gestresst, geht ruhig und bedacht vor. Gießt sich einen Tee auf, nimmt die Wäsche vom Vortag ab. Räumt das saubere Geschirr in den Schrank, legt die Zutaten zum Kochen später raus.

Wenn man in Deutschland eher leichtfüßig ist, ist man in Indonesien dann schwerfüßig? Und wenn man in Deutschland schwermütig ist, ist man in Indonesien dann leichtmütig? 

Der kleine Garten ist eigentlich eher eine freie, mit Ranken bewachsene Fläche, auf dem zwei Bäume stehen. Der eine stattlich und gut wachsend, der andere wirkt etwas kränklich. Daneben noch eine etwas seltsame Konstruktion: Ein einfacher Holzpfahl, etwa 1,20m hoch, darauf zwei kurze gekreuzte Balken. Darum rankt sich ein Kaktus. Vermutlich sieht es irgendwann etwas weniger seltsam aus, wenn die Pflanze den Pfahl so richtig überwuchert hat. Lili begutachtet die zwei kleinen Knospen, die sich gebildet haben sowie die große Blüte, die sich gestern zum ersten Mal geöffnet hat. Endlich, nach über fünf Jahren, kann sie darauf hoffen, die erste Dragonfruit zu ernten. Fast so lange, wie ihr Baby auf sich hat warten lassen. Lili grinst. Am Ende wird immer alles gut, irgendwie.

Plötzlich horcht sie auf und eilt zurück nach drinnen. Ihr Baby ist aufgewacht. Sie nimmt es hoch, redet beruhigend auf es ein. Kommt kurz darauf in den Wohnraum, setzt sich, nimmt sich ein Kissen und legt es an die Brust.

Es klopft an der Tür.

Lili lässt sich nicht stören. Mbak Tin tritt ein, sie kennt sich aus. Hausmädchen und Babysitter in einem, begrüßt sie Lili und geht dann ganz selbstverständlich in die Küche, wärmt Reis und Suppe für das Frühstück auf und legt die Wäsche parat, zum Bügeln. Lili wird ihr gleich Gesellschaft leisten und besprechen, was es heute noch für sie zu tun geben wird.

Heute hat Lili keinen Termin an der Uni und kann deshalb zu Hause bleiben. Momentan muss sie nur für Besprechungen mit ihren Studenten zur Arbeit. Die Vorlesungen fangen erst nächsten Monat wieder an. Die drei Monate Mutterschutz sind zwar offiziell schon um, aber so kann sie dennoch viel Zeit ihrem Baby widmen.

Nun ist auch ihr Mann aufgewacht.

Liebevoll gibt er seinem Baby einen Kuss und begrüßt seine Frau. Bevor er sein Frühstück zu sich nimmt, macht er nebenan noch ein bisschen Fitnesstraining. Sonst wird dafür kaum Zeit sein: in knapp zwei Stunden wird er zur Arbeit aufbrechen, sich auf seinem Motorrad eine Stunde lang durch den dichten und langsam fließenden Verkehr der indonesischen Hauptstadt quälen und – wer weiß – heute hoffentlich etwas früher nach Hause kommen als gestern.

Inzwischen ist durch die dichte Wolkendecke der Regenzeit sogar die Sonne durchgebrochen. Lili beeilt sich, den Babysitz auszurichten. Gestern hat ihr Baby ein bisschen geschnieft und sie glaubt, das könne daran liegen, dass es in letzter Zeit so wenig Sonne abbekommen habe. Das Baby gluckst vergnügt. Schnupfen hin oder her, morgendliche Sonnenstrahlen sind für alle schön.

Der Beginn eines ganz gewöhnlichen Tags der Familie. 

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