Kernkompetenz für den Arztberuf

Wer denkt, für den Ärztealltag gut vorbereitet zu sein, wenn er sich streng an den Lernplan gehalten hat, Pharma gepaukt, sich die Antibiotika zum dritten Mal vorgenommen hat (diesmal aber so richtig) und eifrig klinische Fallbücher durchgearbeitet hat, irrt. Nicht ganz, aber es gibt noch andere Skills, die zählen, und zwar das Schreiben. Wobei ich hier nicht eine leserliche Handschrift meine, obwohl auch die nach wie vor vermutlich nicht verkehrt wäre. Für Notarzt- und Anästhesieprotokolle zum Beispiel.

Nein, wir haben schließlich das Jahr 2017 und befinden uns damit im Zeitalter der Computer: tadaaaa – eine Kernkompetenz, ohne die man in der Klinik ziemlich verloren ist, ist das Tippen. Und zwar zügig und fehlerfrei. Mit möglichst wenig Anstrengung, damit man gleichzeitig noch die Ohren spitzen kann und aufnahmefähig ist für das, was um einen herum so vorgeht. Für den Fall, dass der Chef bei der Visite zum Beispiel ganz am Ende, schon halb in der Tür, als man schon auf dem Flur steht und eifrig vom Kurzzeitgedächtnis ins Protokoll überträgt, doch noch die Medikation anpasst; wie letzte Woche erlebt.

Und täglich grüßt das Murmeltier

Laut T., Ende zwanzig und Assistenzarzt auf meiner Station, sei das Talent zum Tippen immens wichtig für einen Job, der zwischendurch auch anmutet wie „Sekretärin der besonderen Art“.

Ich weiß sofort wovon er spricht, habe ich das manchmal fast schon mitleidserregende Buchstabe-für-Buchstabe-Gesuche-und-dennoch-ständige-Korrigiere schon bei so einigen Ärzten beobachtet. Und Arztbriefe schreiben ist ständig angesagt. Und selbst bei vielen Textbausteinen (denn auch das macht die Digitalisierung möglich) muss das ein oder andere dennoch manuell angepasst werden…

Assistenzarzt T. dagegen hat trainiert.

Sicher und ohne auf seine Hände zu schauen tippt er nahezu fehlerfrei und in rasanter Geschwindigkeit. Auch Oberarzt P. fällt das auf, er nickt anerkennend. Wo er das denn gelernt habe, ob er da mal einen Kurs gemacht habe? T. grinst. „Ich hab gezockt früher. Computerspiele. Tja und da lernt man doch tatsächlich was nützliches bei.“ Ob man da nicht eigentlich über Headsets kommuniziere mit den anderen Spielern? T. reagiert empört und fast ein wenig in seiner Ehre gekränkt. „Ja aber weißt du, wie teuer sowas war? Das konnte ich mir doch damals nicht leisten!“

Tippen lernen also als gute Vorbereitung für den Start ins Berufsleben als Arzt. Auch dafür ist vielleicht die Doktorarbeit gut, viel mehr müssen wir Medizinstudenten im Studium ja nicht verschriftlichen. Außer man bloggt. Oder hält den Kontakt zu Urlaubsbekanntschaften und alten Freunden. Und versucht sich dabei an der 10-Finger-Technik. Ratschlag von Assistenzarzt T.: Die Investition lohnt sich. Diese Fähigkeit wird euch einiges an Zeit ersparen. (Und euch obendrein vor vorwurfsvollen Patientenblicken schützen. Denn irgendwie arbeiten nun mal viele von denen in Büros und sind deshalb der Tastatur eher Herr als wir Mediziner.)

P.S.: Bekommen Kinder sowas heutzutage eigentlich schon in der Grundschule beigebracht? Nützlich wär es wohl… Druckschrift, Schreibschrift, Füller – und dann 10-Finger.

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6 Gedanken zu „Kernkompetenz für den Arztberuf

  1. Ich habe deinen post zum Anlass genommen, endlich mal ein Zehn-Finger-Training zu beginnen. 🙂 Obwohl ich schon ziemlich schnell schreibe, ist es doch über die Zeit gesehen ein Unterschied ob man einen Arztbrief in 10 oder 20 Minuten schreiben kann!

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