Und plötzlich hinkt er!

Erst vor kurzem wurde der Neubau bezogen. Die Fenster sind riesig und lassen viel Tageslicht rein, alles blitzt und blinkt, die Wände strahlend weiß. ‚Stimmt schon‘, pflichtet Dr. S., dem ich heute an den Fersen hefte, mir bei, ‚aber so wirklich kindgerecht finde ich das bisher nicht – etwas Farbe wäre doch nicht verkehrt gewesen, oder?‘ Obwohl ich angetan war ob der Fleckenlosigkeit, hat er damit natürlich nicht Unrecht. ‚Aber was du erstmal sehen musst, sind die Untersuchungszimmer in der Ambulanz. Da waren die Architekten unerhört großzügig mit uns!‘, vielsagend zieht er die Augenbrauen hoch, presst die Lippen aufeinander und nickt bedeutungsvoll.

Kurze Zeit später weiß ich, wovon er spricht.

Die Mutter, die uns in den Untersuchungsraum folgt, hat Schwierigkeiten, den Kinderwagen mit im Raum unterzubringen; schließlich entscheidet sie sich dafür, ihn vor der Tür zu lassen. Schätzungsweise knapp zwei Meter breit ist das Zimmer und mit Liege, kleinem Arzt-Schreibtisch, Waschbecken und Verbandswägelchen bereits gut gefüllt. Wir haben Glück, dass Frau O. ohne Mann erschienen ist, geschweige denn ein zweites Kind dabei hat. Auch Studenten sind in der Uniklinik scheinbar nicht vorgesehen; ich quetsche mich vorsichtig hinter den Arzt und habe dennoch das Gefühl, im Weg zu sein. Dr. S. fängt an, die Daten seines kleinen Patienten aufzunehmen. Der Bildschirm ist dabei angenehm groß, steht aber genau zwischen ihm und Frau M. Beide beugen sich zur Seite, um Blickkontakt zu ermöglichen. Das zum Thema Kommunikation…

Ich hoffe, die Verantwortlichen für diese Planung kommen mal vorbei, um sich das Ergebnis ihres Projekts anzusehen; und haben genug Fantasie, um daran zu denken, dass es so etwas wie Zwillinge (und Zwillingskarren!) geben könnte…

Doch nun zum Wesentlichen.

Frau O. ist nervlich aufgerieben. Ihr zweijähriger Sohn M. ist vor zwei Stunden aus dem Mittagsschlaf aufgewacht und hinkt seitdem. Vor einigen Tagen hätte ihr Sohn obendrein einen fieberhaften Infekt gehabt, nichts Schlimmes, aber Paracetamol hat er da bekommen.

Dr. S. nickt, tippt, schaut Frau O. an. Noch etwas? Dann wendet er sich ihrem Sohn zu, nimmt Kontakt auf und untersucht ihn in Ruhe. Aufgeweckt schaut der kleine M. ihn an und beobachtet genau, was der Arzt mit seinem Bein anstellt. Die Hüftinnenrotation gefällt ihm nicht so gut, das Gedrücke auf seinem kindlich-speckigen Oberschenkel und Knie stört ihn nicht. Interessiert betrachtet er sein Bein – wenn der Doktor es sich so genau anschaut, muss da wohl irgendwas Spannendes dran sein. Noch spannender ist allerdings das Stethoskop, das dem Doktor vor der Brust baumelt und das sich M. kurzerhand greift und auf die eigene Brust setzt. ‚Super!‘, lächelt Dr. S. ihn an, ‚Du bist ja schon ein ganz Großer und weißt, was man damit macht!‘.

Frau O. ist weniger leicht abzulenken, sie macht sich Sorgen. Dr. S. klärt sie über die wahrscheinlichste Diagnose auf: Hüftschnupfen, Coxitis fugax. Tritt bei Kindern in diesem Alter auf, oft nach einem Infekt der oberen Atemwege, und verschwindet meist nach einer Woche von selbst. Sollte das nicht der Fall sein und es nicht schon in den nächsten Tagen besser werden, solle sie erneut vorstellig werden. Dann würden weitere diagnostische Schritte eingeleitet. Frau O. nickt. Sie scheint nur mäßig beruhigt. ‚Schauen Sie ihren Sohn an!‘, fordert Dr. S. sie auf. Der kleine M. spielt weiterhin interessiert mit dem Stethoskop und schaut auf, als er merkt, dass die Aufmerksamkeit erneut auf ihn gerichtet ist. Fröhlich lacht er uns an. ‚Er spielt, er ist nicht schwer krank. Es könnte sogar sein, dass er nur in einer unglücklichen Position gelegen hat beim Mittagsschlaf und deshalb ein wenig humpelt. Wir beobachten das weiter und damit ist er gut betreut.‘ Frau O. atmet auf. Nun scheint sie mit im Boot zu sein.

Auf Nimmerwiedersehen

Mich klärt Dr. S. über eine mögliche Differentialdiagnose auf: Morbus Perthes, eine orthopädische Erkrankung, die Monate bis Jahre dauern kann und bei der Teile des Oberschenkelkopfes im Hüftgelenk absterben. Behandlungsziel wäre es, die Reparation des Knochens durch Entlastung günstig zu beeinflussen, so dass Deformitäten (und Fehlstellungen) vermieden werden. Das wäre eine deutlich unschönere Diagnose – das Konzept ‚Entlastung‘ einem Dreijährigen zu vermitteln ist nicht einfach. Wenn Frau O. nächste Woche mit ihrem Sohn wiederkommen sollte, wird ein Ultraschall und eine Röntgenaufnahme gemacht, um zwischen den beiden möglichen Krankheitsbildern unterscheiden zu können. Aber vorerst ist Abwarten erlaubt.

Ich verabschiede mich von Frau O. und – so seltsam es klingen mag und definitiv nicht aus Mangel an Sympathie – hoffe, dass wir uns so schnell nicht Wiedersehen.

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