Die Heilsarmee

Heilsarmee. Dass das was mit Wohltätigkeit für Menschen zu tun hat, die am Rande der Gesellschaft stehen oder schon fast aus ihr herausgefallen sind, war mir bewusst. Mehr aber auch nicht. Schade eigentlich, dass da nicht mehr hängen geblieben ist aus dem Politik-, Wirtschafts- und Gesellschaftsunterricht – oder haben wir überhaupt je genau darüber gesprochen, wie die sozialen Sicherungssysteme genau gestrickt sind, warum ihr Netz immer noch nicht alle auffängt und welche Institutionen es so gibt, die sich ihrer annehmen, wenn staatliche Stellen versagt haben?

Beim Betreten der Einrichtung bin ich positiv überrascht; obwohl ich eigentlich nie wirklich darüber nachgedacht hatte, hatte ich es anders erwartet. Dreckiger. Verranzter. Stattdessen erinnern mich die sauberen Flure mit gelben Wänden und Aufenthaltstisch im Erdgeschoss (fast wie eine kleine Lobby) an Jugendherberge oder besseres Hostel. (Ich ertappe mich bei dem Gedanken, eindeutig nicht so vorurteilsfrei zu sein, wie ich es mir wünschen würde.)

Fast wie auf Klassenfahrt.

Auch das Zimmer, in dem das Rettungsteam unseren Patienten bereits in die stabile Seitenlage gebracht hat, lässt mich mit seinen drei Stockbetten an ein Schullandheim denken. Die Diagnose Intoxikation war bereits auf der Anfahrt klar, nur was genau der junge Mann genommen hat, war offen geblieben. Seine Freundin blickt mich aus trägen Augen an. Benzos. Ich habe den leisen Verdacht, dass auch sie nicht wirklich clean ist. Aus Sorge um ihren bewusstlosen Freund hat sie den Rettungsdienst gerufen und weist mich nun darauf hin, dass sie morgen gemeinsam mit ihm unbedingt zum Arzt müsse, ‚Wir werden ja beide substituiert.‘ Ich schaue auf den Ausweis, den sie aus ihrer Handtasche hervorgekramt hat und bin schockiert. Levomethadon. Mit Heroinabhängigkeit bin ich in meinem behüteten Umfeld bisher nur in Form von Büchern, Reportagen und Filmen in Kontakt gekommen; zum ersten Mal lerne ich zwei Menschen kennen, die sogar ein paar Jahre jünger sind als ich und Ähnlichkeit haben mit den Kindern vom Bahnhof Zoo.

Nach Verabreichung des Antidots kommt unser Patient schnell wieder zu sich. Benommen ist er zwar noch, aber orientiert genug, um zu verstehen, was vor sich geht. Nach ein paar halbherzigen Widerworten (er scheint schnell einzusehen, dass er nicht in der Position ist, über einen Krankenhausaufenthalt zu verhandeln, geschweige denn die Kraft dafür hat), macht er sich daran, seine Tasche zu packen. Ein schwarzer Turnbeutel mit großem adidas-Logo. Er nestelt mit seinem Schlüssel, schließt seinen Spint auf, öffnet die Tür; heraus purzeln Schuhe, Klamotten, Deos und Haargel. Vertraute Marken; seine Sachen könnten auch im Kleiderschrank meines Bruders liegen und würden nicht auffallen.

Unser Patient ist abgemagert; der Oberkörper frei, das Gleichgewicht mit Schwierigkeiten und gebeugtem Rücken nur recht unsicher haltend. Im Gesicht hat er eine Reihe von Piercings.

Wir alle schauen ihm beim Packen zu: drei Rettungsassistenten, der Notarzt, ich. Vier gut gebaute uniformierte Männer, ich, ebenfalls in Uniform. Der erste verdreht die Augen. ‚Nun mach mal hinne, wir haben nicht ewig Zeit!‘ Doch unser Patient ist sorgfältig, den ersten Schuh hat er gefunden, der passende zweite scheint noch in dem Gewühl versteckt. Außerdem braucht er noch eine neue Hose, ein sauberes Shirt.

Uniformierter: ‚Ist doch egal, eine Hose reicht doch, du hast doch eine an!‘

Patient: ‚Jaaaa — aber die ist doch nicht sauber…‘

Uniformierter: ‚Das war sie doch bestimmt den ganzen Tag nicht, oder?‘

Patient: ‚Ich weiß, wie du das meinst — und was du von mir hältst. Aber das stimmt nicht. Ich — laufe nicht immer so rum.‘ 

In einem Schneckentempo hebt er jedes Teil einzeln hoch und versucht, Ordnung zu schaffen. Anders kann er einfach nicht. Weder zügiger noch wirklich ordentlich. Dafür hängen die Drogen zu sehr nach; dafür sind Körper und Geist vielleicht schon generell zu sehr mitgenommen.

Dann sackt er plötzlich zusammen, lässt das Gesicht in seine Hände sinken. ‚Ihr habt meine neue adidas-Jacke zerschnitten! Ich glaub es ja nicht.‘ Er artikuliert langsam, als sei es nicht einfach, seine Zunge zu kontrollieren. ‚Die habe ich heute gekauft. Von meinem ganzen Hartz IV Geld.‘ Betreten schauen die Rettungsassistenten, die – wie im Notfall üblich – recht großzügig im Umgang mit Scheren sind, auf den Boden. Dann zuckt einer mit den Achseln. ‚Naja, wenn es von deinem Hartz IV Geld war, war es ja quasi unser Geld!‘ Er grinst seine Kollegen an, etwas unsicher, weil er sich selbst wohl nicht so sicher ist, ob der Spruch angebracht war; aber als er von einem seiner Kollegen ein leichtes Grinsen zurückbekommt, fühlt er sich bestätigt. Unser Patient meldet sich zu Wort, immer noch langsam sprechend, leicht lallend. ‚Glaub ja nicht, dass ich nicht verstehe, was du damit sagen willst. Ich weiß das schon — aber ihr versteht das wohl nicht, wenn man Probleme hat — ihr wurdet wahrscheinlich noch bis 50 von Mama verhätschelt. Ich hab mein Abi gemacht — trotz meiner Probleme — und wenn ich nicht mein Studium abgebrochen hätte, würde ich irgendwann — mehr verdienen als ihr!‘ Langsam widmet er sich wieder seinen Habseligkeiten.

Einer der Rettungsassistenten fühlt sich gereizt. Er giftet zurück, es schaukelt sich hoch; als es einen Moment lang zu Handgreiflichkeiten kommt (der Assistent will den Patienten hochziehen, dieser noch weiterhin seine Tasche packen), werden zwei weitere Beamte dazugeholt. Zufällig waren die beiden Polizisten bei unserem Eintreffen gerade gegenüber zugange; und stellen sich nun ebenfalls neben den packenden, auf dem Boden knienden Patienten.

Unschön.

Auf dem Rückweg bin ich erleichtert, dass ich nicht die einzige bin, die sich unwohl fühlte in dieser Situation. Unser Fahrer bemerkt, dass er sich bei Einsätzen dieser Art immer frage, wie ein Mensch in so einer sch*** Situation habe landen können. Verkettung unglücklicher Umstände; schlechtes Elternhaus; mangelnde Unterstützung. In diese Richtung wird es wohl gehen, sind wir uns einig. Und schweigen allesamt betreten.

Ich ärgere mich. Darüber, dass ich nichts gesagt habe; dass ich unseren Patienten nicht verteidigt habe, obwohl ich gefühlt habe, dass er in erster Linie Hilfe und Unterstützung benötigte statt Hohn und Spott. Doch wäre es nicht Aufgabe des Notarztes oder auch unseres Fahrers gewesen, die Stimmung im Team zu regulieren? Es fühlte sich so seltsam an, einzugreifen, als Studentin, als einzige Frau, letztendlich Außenseiter, für die das alles hier nicht Alltag, sondern auf eine perverse Art fast schon Abenteuer ist. Doch wenn man so denkt – wird es dann nicht immer einen guten Grund geben, nicht aufzuzeigen, Schwächere nicht zu verteidigen, eine Gruppe zu stoppen, die sich in eine destruktive Stimmung aufschaukelt?

Das nächste Mal will ich es anders machen.

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6 Gedanken zu „Die Heilsarmee

  1. Bist Du sicher, dass es Deine Aufgabe gewesen wäre, einzugreifen und die Stimmung zu ändern, Hohn und Spott abzuwehren?
    Meine These dazu:
    Der Profi liebt die Realität, den spottenden Retter genauso wie den verhöhnten Junkie. Ein Eingreifen ist nicht nötig und sicher nicht die Aufgabe der Studentin. Die Wirklichkeit entfaltet sich brilliant, so dass es Freude macht, sie zu beobachten – zu leiden, weil man es anders haben möchte, ist unnötig und lenkt vom professionellen Auftrag ab.

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  2. Ich denke nicht, dass es deine Aufgabe ist, da einzugreifen, du bist selber nicht lange genug im Rettungsdienst und das hinterlässt immer einen schalen Geschmack oder nicht so guten Eindruck.
    Trotz allem finde ich deine Gedanken sehr interessant und tatsächlich würde ich in dieser Situation anders handeln. Wer jetzt möglichweise denkt, ich habe gut zu reden, da ich nicht in der Situation war, dem sei gesagt, dass ich den Job nicht seit gestern mache 🙂
    Du musst aufpassen, dass dich nicht Schuldgefühle überwältigen, aber nimm diese Situation doch als Beispiel, wie man nicht handeln sollte und dass ein freundliches Wort mehr hilft als herablassende Geringschätzung.
    Viel Erfolg auf deinem weiteren Weg 🙂

    Gefällt 2 Personen

    1. Aus genau diesen Gründen habe ich mich auch zurückgehalten – und es freut mich, dass ich nun auf diese Art einige Leute an meinen Gedanken teilhaben lassen kann und ggf. zum Nachdenken bringe.
      Und ja, ich arbeite daran, weiterhin mitzufühlen aber weniger mitzuleiden.
      Vielen Dank!

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  3. Das war sicher eine schwierige Situation für Sie; vielleicht hätten Sie, anstatt die Männer des Rettungsdienstes direkt anzugehen, dem Patienten irgendetwas Aufbauendes sagen können. Ich selbst arbeitete vor 25 Jahren als Krankenschwester in einer Notaufnahme, aber da war ich in einer Stellung, in der ich es mir leisten konnte, die Rettungsmänner in die Schranken zu weisen, denn manchmal war das notwendig; wir hatten öfter Obdachlose, die von den Rettungsdienstlern nicht immer korrekt angesprochen wurden.
    Ich kann mich an eine Situation im ÖPNV erinnern, ist noch gar nicht so lange her: Ein offensichtlich betrunkener Mann pöbelt eine Frau mit Kopftuch an. Alle schauten betreten weg. Ich hatte auch Angst, ihn zurechtzuweisen, also ging ich zu der Frau und fing mit ihr ein Gespräch an, über das Wetter. Irgendwann hörte er auf, sein Sermon ging ins Leere, er wurde ja nicht mehr beachtet. Mir klopfte das Herz bis zum Hals, aber er ließ ab, ich hatte das erreicht, was ich wollte. Ich möchte mich jetzt nicht als die große Heldin aufspielen, sondern einfach nur zeigen, dass es auf viele Arten möglich ist, Zivilcourage zu zeigen. Dass Sie sich Gedanken machen, uns dieses Erlebnis mitteilen und zur Diskussion stellen, zeigt ja, dass Sie Gewissen und Gerechtigkeitsempfinden besitzen.
    PS: Ich lese hier schon lange mit, und ich mag Ihre reflektierte Art, die Welt zu sehen. Ich freue mich jeden Sonntag auf eine neue Geschichte.

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