Eins eins zwei.

Obwohl ich mich noch eine gefühlte Ewigkeit im Bett hin- und herumgedreht habe ohne großartig davon überzeugt gewesen zu sein, Schlaf zu finden, muss es mir irgendwann gelungen sein. Denn als das grellend helle Deckenlicht angeht und der Lautsprecher erst piept und dann eine Durchsage ertönen lässt, schrecke ich aus dem Tiefschlaf hoch. Mechanisch schlüpfe ich in meine Hose, Socken, die dicken Sicherheitsschuhe. Shirt und Pullover hatte ich angelassen, um schneller bereit zu sein, meine Jacke – damit ich sie auf keinen Fall vergessen kann – liegt im Wagen bereit.

Mein erster Nachtdienst mit dem Notarzt.

Der erste Einsatz – ein 86-jähriger Patient mit Lungenentzündung – war vergleichsweise ruhig verlaufen. Nur die schnelle Anfahrt mit Tatü-Tata hatte mich etwas nervös werden lassen. So fühlt es sich also an, wenn man durchgehend Vorfahrt hat, deutlich höher als in einem normalen PKW über dem Verkehr thronend. Für mich eher beunruhigend als aufregend. Mein Puls ist gefühlt bei 180.

Wir erreichen ein gepflegtes Reihenhaus kurz hinter der Stadtgrenze, eine Dame Ende 50 öffnet die Tür. Sie hat uns gerufen, es geht um ihre 28jährige Tochter, die vor zwanzig Minuten beim Versuch, kollabiert ist. Bekannte Vorerkrankung: Alkoholabusus. Ich schlucke; das Haus sieht von innen aus, als könnte ich auch zu Gast bei den Eltern meiner Freunde sein. Natürlich macht es medizinisch keinen Unterschied, ob ein Patient aus der gleichen sozialen Schicht kommt wie ich; alle Patienten werden gleich versorgt. Aber es fällt mir umso schwerer, die notwendige Distanz zu den Patienten und ihrem Schicksal zu halten, je mehr Gemeinsamkeiten ich entdecke. Zusätzlich erinnert mich die Stimme der Mutter unserer Patientin sehr an eine Freundin meiner Mutter…

Alles ist aufgeräumt und ordentlich. An der Wand hängen geschmackvolle Kunstdrucke.

Die Tochter liegt im Bett, scheint wohlauf. Heute früh habe sie mehr Tabletten geschluckt als üblich. Die dreifache Menge von Promethazin, einem Neuroleptikum gegen u.a. Unruhe und Angst. Der initiale Verdacht auf einen Suizidversuch bestätigt sich nicht. Im Gespräch entspannt sich die Lage etwas. Die Tabletten hat sie schon heute früh eingenommen; vermutlich stehen sie nicht in Verbindung mit dem Kollaps.

Ich notiere Ankunftszeit und Vitalparameter, versuche, so viel wie möglich aufzunehmen und zu dokumentieren. Frage nach Meldeadresse, vollem Namen, Krankenkassenkarte, Hausarzt. Als mein Blick auf das Plastikkärtchen fällt, muss ich schlucken. Das Bild einer hübschen jungen Frau hat nicht mehr viel mit der Patientin zu tun, die ich vor mir sehe. Aufgedunsenes Gesicht, ungepflegte Haare, dicker Bauch. Der Alkohol hat ihren Körper schon sehr verändert.

Der Notarzt entschließt sich, die Patientin mitzunehmen – möglicherweise stehen Herzrhythmusstörungen hinter dem Kollaps, Überwachung über die Nacht dringend notwendig.

Im Hinausgehen teilt uns die Patientenmutter noch mit, dass sie soeben zwei halbe Flaschen Wodka im Abstellraum gefunden habe; möglicherweise habe ihre Tochter auch heute getrunken, obwohl sie eigentlich mit der Absicht, einen kalten Entzug zu machen, zu ihr gekommen sei.

Mit Ende 20 irgendwie schon ziemlich am Ende.

Auf der Fahrt redet der Notarzt mit der Patientin. Er erfährt, dass sie gestern schon in der Uniklinik war mit dem Wunsch, einen Platz in der Suchtklinik zu bekommen zum Entzug. Leider war kein Platz frei gewesen und sie hatte unverrichteter Dinge wieder nach Hause zurückkehren müssen; und dann entschlossen, sich bei ihrer Mutter einzuquartieren. Ob sie gegenwärtig arbeite? Nein. Aber sie habe eine Ausbildung in einer Werbeagentur abgeschlossen. In den Beruf wolle sie auch gern wieder zurückkehren, sobald ihr gesundheitlicher Zustand es ihr erlaube.

Bei Ankunft in der Notaufnahme fordert der diensthabende Assistenzarzt nach der Übergabe die Patientin zum Pusten auf. Über das Ergebnis sind wir erschrocken: 2,8 Promille bei verlangsamtem aber sonst weitestgehend normalem Umgang. Das hätte selbst der erfahrene Notarzt nicht gedacht.

Wir fahren zurück auf die Wache und legen uns hin.

Der nächste Einsatz kann jeden Moment kommen; vielleicht müssen wir heute auch gar nicht mehr raus. Wieder fällt mir das Einschlafen schwer. Zu viele neue Bilder und Gedanken schwirren mir im Kopf herum. In meinem näheren Umfeld habe ich bisher nur die angenehmen Seiten von Alkohol kennengelernt. Jetzt lerne ich Menschen kennen, für die die Sucht alles geändert hat.

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