Empfehlung vom Chef

Visite mit dem Chefarzt. Je nach Chef kann das lehrreich, beeindruckend und menschlich oder auch distanziert, respekteinflößend und angespannt sein. Oder auch jegliche andere Kombination – zum Beispiel sehr herzlich den Patienten gegenüber, auf dem Flur mit dem Stationsarzt dagegen eher Prüfungsatmosphäre. Interessant ist es für uns Studenten eigentlich immer. (Es sei denn, auch wir stehen wie im Kreuzverhör – das kann unangenehm sein. Kommt aber selten vor.)

Wie verhält sich der Chef seinen Assistenten gegenüber? Ist das Verhältnis ungezwungen und freundschaftlich oder angespannt und steif? Sicherlich kommt es dabei einerseits auf den Assistenten an – vertraut der Chef ihm oder hat er schon einige Lücken oder Fehler bemerkt? Es liegt aber auch am Charakter des Chef selbst – ist er von der ‚alten Schule‘, der über Strenge versucht, seine Schüler zu Ehrgeiz und Fleiß zu animieren oder ist er empathisch und sieht, dass seine Zöglinge viel arbeiten und ihr Bestes geben – auch wenn ihr Arbeiten noch längst nicht so effizient und geradlinig ist, wie es wünschenswert wäre.

Und wie geht er mit den Patienten um? Gibt er ihnen das Gefühl, Zeit für sie zu haben, lässt sie ausreden, hält Blickkontakt, gibt Raum für Rückfragen? Hört er selbst zwischendurch noch mal auf die Lunge, das Herz, schaut sich die verheilende Wunde an? Grundsätzlich ist die Chefarztvisite für die meisten Patienten durchaus eine beeindruckende Angelegenheit; allein das mehrköpfige Gespann aus Chef, Stationsarzt und in der Uniklinik oftmals noch PJlern und Famulanten schindet Eindruck. Nur gut, wenn die Patienten es vor lauter Aufregung dann trotzdem noch schaffen, dem Arzt das mitzuteilen, was sie gerade auf dem Herzen haben.

In der Pulmologie geht es um Lungen – und damit um Zigaretten

Die Visite heute ist für uns Studenten eine sehr gute. Der Chef ist freundlich, bindet uns ein und stellt Fragen, reagiert aber nicht unwirsch, wenn wir diese nicht alle beantworten können; nickt dennoch zufrieden, wenn richtige Antworten kommen. Auf beeindruckende Weise schafft er es, mit jedem Patienten ein paar persönliche Worte zu wechseln; wobei ich irgendwann denke, dass das zwar sehr nett ist, aber die Fürsorge, die gestern noch der Oberarzt gezeigt hat (als er mit einem der Patienten über Möglichkeiten gesprochen hat, gegen dessen Einsamkeit anzugehen), dabei verloren geht; aber vielleicht ist das auch wirklich nicht mehr Chefsache, wenn dieser nur einmal in der Woche seine Runde dreht.

Herr P. ist insgesamt zufrieden mit seiner Behandlung. Der Sauerstoff tut ihm gut. Der Chef nickt verständnisvoll. Die Atemprobleme von Herrn P. durch die COPD sind damit natürlich etwas geringer. Streng schaut er seinen Patienten an. ‚Zu Hause müssen die Zigaretten dann aber wirklich aus bleiben. Verstehen Sie das? Feuer und Sauerstoff, das verträgt sich nicht! Da besteht Explosionsgefahr. Ihre Frau darf auch keine Kerzen anzünden. Klar? Wenn Sie es nicht schaffen, das Rauchen zu lassen, sagen Sie uns sofort Bescheid, dann helfen wir Ihnen. Aber Zigaretten und O2, das geht nicht.‘ Herr P. nickt, er ist motiviert und optimistisch. ‚Nein, nie mehr das Zeug. Damit ist Schluss! Ich bin jemand, der sein Wort hält.‘ Der Chef nickt. Noch ein paar Worte zum Befinden im Allgemeinen, dann verlassen wir das Zimmer.

Draußen wird die Stationsärztin angewiesen, die ausdrückliche Aufklärung genauestens zu dokumentieren. Der Chefarzt schaut uns Studenten an. ‚Ich glaube dem kein Wort. Der hat über 30 pack years und raucht seit letzter Woche Freitag nicht mehr. Den werden wir vermutlich gar nicht mit Sauerstoff entlassen können, denn das wird nicht klappen zu Hause. Und am Ende sind wir Schuld, wenn das Haus hochfliegt.‘

Harte Worte. Wahre Worte?

Ich erinnere mich dunkel an eine Patientin, die ich vor ein paar Jahren während des Pflegepraktikums in der Geriatrie betreut habe; ihr Mann hatte damals tatsächlich noch eine Kippe angezündet, obwohl auch er mittlerweile an einer Sauerstoffflasche hing – und damit einen Wohnungsbrand ausgelöst. Obwohl mir die Worte des Chefarztes gerade recht harsch und pessimistisch vorkamen – vermutlich sind sie eher realistisch und in ihrer Strenge absolut angemessen.

Vorhaben für das neue Jahr – eigentlich halte ich nichts davon, genau zu diesem Zeitpunkt sein Verhalten positiv anpassen zu wollen; andererseits halte ich sehr viel davon, sich positiv zu verändern und wenn einige das halt genau zum Jahreswechsel machen wollen – warum nicht. Nach einer Woche auf der Pulmologie kann ich da nur sagen, dass ich es mir als Raucher gut überlegen würde, ob ich mir ein Schicksal, das einige unserer Patienten getroffen hat, nicht versuchen sollte zu ersparen.

Just saying…

Ich wünsche euch allen ein frohes neues Jahr! Ob mit oder ohne Vorsätzen – bleibt gesund und gut gelaunt und lernt und arbeitet nicht zu viel, sondern genießt das Leben!

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Ein Gedanke zu „Empfehlung vom Chef

  1. Nach vielen Jahren Praxis denke ich immer​ noch oft und sehr positiv an die tägliche Oberarzt-, nicht aber an die Chefarztvisite. Bei jener habe ich viel gelernt.
    Gleichzeitig wundere ich mich, dass bei einem Verwandten, der seit dem 21.12.2016 in der Uniklinik liegt, trotz Privatstatus bis heute erst 1mal ein Oberarzt war, der Chefarzt noch nie. Das ist kein gutes Zeichen für das deutsche Gesundheitssystem, wenn sich die Leitenden, die Entscheidungsträger​ soweit vom Patienten entfernen​. Ich wünsche mir für 2017, dass uns Medizinern wieder der Patient als Mensch näher in den Sinn rückt, dass wir auf ihn zugehen und behandeln, menschlich nah und doch fachlich auf dem hohen Niveau, das wir erreicht haben.

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