Darf ich vorstellen: Le 104.

Das Centquatre ist das schönste Kulturzentrum, das ich kenne. Kulturzentrum, hinter diesem Wort, hinter dem vom verstaubten städtischen Sozialarbeiter-Jugendzentrum bis zum kreativen Hipster-StartUp-Schaffensnest irgendwie sehr viel stecken kann, verbirgt sich in diesem Fall ein ehemaliges Fabrikgebäude mit einer tollen Backsteinfassade und großzügigen, zum Teil bunt verglasten Fenstern. Unweit des Canal de l’Ourq und des Parc de la Villette im Pariser Norden gelegen, bietet es Platz für einen Buch- und einen Second-Hand-Laden, tourende Theater- und Tanzkompagnien, Ausstellungen (ob Foto oder moderne Kunstinstallationen) und vor allem: freie Fläche und Raum: ‚Espace Libre’*, dem die Pariser Bürger Leben einhauchen.

In der großen Hall haben sich heute nicht viele Gruppen versammelt, das Wetter ist wohl zu schön. Zwei Breakdancer feilen dennoch an ihrer Show und drei Tänzer lassen ihre VideoClip-reife Choreographie vor einer Wand aus Sichtbeton filmen. Etwas weiter mittig nutzen zwei Salsa-Tänzer die großen verschiebbaren Plexiglaswände, um ihre Schrittfolgen wie in einem Spiegel prüfend verfolgen zu können. Zwei Yogis (oder schlicht Akrobaten?) wärmen sich auf. Dann fangen sie an, an Handstand und anderen eleganten Balance-Übungen zu arbeiten. Eine Gruppe Jugendlicher chillt in einer Ecke.

Im Innenhof werden die Hüften geschwungen: zu einer Musik, die ich am ehesten als Reggaeton einstufen würde (vielleicht auch angolanischer Kuduro** (?), auf jeden Fall sehr rhythmisch), zeigen drei junge Frauen und zwei Männer, was in ihnen steckt. Beeindruckt beobachte ich sie eine Weile. Dass man im Centquatre schon beim Üben ein paar Zuschauer hat, sind alle gewohnt. Einige, so habe ich das Gefühl, kommen vielleicht gerade deshalb besonders gerne hierher. So wie die eine Rollschuhläuferin, die ich ein anderes Mal beobachtet habe, und die sich mindestens eine halbe Stunde selbstverliebt und scheinbar tief in die Musik aus ihren stylischen Kopfhörern, passend zum gänzlich in schwarz und beige gehaltenen Outfit, vor dem Spiegel bewegt hat. Oder der junge Tänzer, der mehr damit beschäftigt war, sich an- und auszuziehen als sich zu bewegen. Aber warum auch nicht sich zur Schau stellen, wenn einem das gefällt? Immerhin macht es mir umgekehrt Spaß, die Leute zu beobachten.

Im Hinterhof wird gegenwärtig jungen Nachwuchsfotografen eine Fläche geboten, ihre Fotos auszustellen. Besonders die Aufnahmen eines jungen Franzosen bleiben mir in Erinnerung: Die riesigen, trist erscheinenden, auf eine altmodische Art modern gebauten riesigen Wohnblocks der 60er bis 80er Jahre im Großraum Paris waren sein Thema für eine ganze Serie. In einigen der Bilder tauchen die Bewohner auf. Menschen, die irgendwie genau wie die Gebäude, in denen sie leben, in die Jahre gekommen sind und ein bisschen den Eindruck erwecken, als hätten sie sich mehr von der Zukunft erhofft. Ein junger Berliner dagegen hat sich der deutschen Tradition ‚Kurorte‘ gewidmet. Spannend, aus diesem Blickwinkel erscheint mir dieser Teil unserer Kultur weniger spießig und verstaubt als sonst. Im Gegenteil, ziemlich interessant sogar; gleichzeitig aber auch überraschend esoterisch.

So langsam ist mir nach Nachmittagspause. Ein Power Nap ist schlecht möglich, trotz der zahlreichen roten Liegestühle, die im Centquatre an jeder Ecke stehen. Denn die sind etwas zu kurz, um so richtig darin zu versacken. Ich winke meinen Bruder heran. Kaffee? In dem einen kleinen Waggon, der ansonsten hungrige Münder mit Pizza versorgt, gab es doch welchen, oder? Ich erinnere mich richtig. Doch wir haben Pech: der Besitzer ist gerade dabei zu schließen. ‚Aber kennt ihr nicht das „Café Caché*“? Das ist doch sowieso viel schöner. Ganz hinten links in der Ecke!‘, schlägt er uns vor. Dankend folgen wir seinem Ratschlag. Passend zum Namen finden wir einen gemütlichen kleinen Innenhof, ausgekleidet mit Holzpaletten – gleichzeitig eine günstige und sehr schöne Lösung. Wir setzen uns in die Sonne und legen die Beine hoch. Und genießen, dass hier der Straßenlärm von Paris gänzlich ausgeblendet ist. Und auch die Musik der Tänzer des Centquatre. Die übertreiben es damit nämlich manchmal ganz schön. Obwohl es ja auch gerade das bunte Leben und Treiben ist, das diesem Ort seinen Charme verleiht. Aber trotzdem. Eine Pause davon tut irgendwie gut. Besonders mit einem Kaffee mit Milch.

* zu deutsch: ‚Freier Platz‘

** Sehr zu empfehlen sei an dieser Stelle der Film ‚I love Kuduro‘

*** zu deutsch: verstecktes Café

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