Marktbekanntschaften

Flohmarkt in Saint-Germain-des-Prés. Überlegung: In einem schicken Viertel wohnen schicke Leute, die schicke Kleidung ausmisten. Wenn wir Glück haben zu guten Preisen. Obwohl es regnerisch ist (der Pariser Mai dürfte dieses Jahr neue Rekorde aufgestellt haben), machen wir uns auf den Weg. (Wir = meine Lieblingsschwester und ich.)

Kaum aus der Bahn ausgestiegen, sind die ersten Stände in Sichtweite. Noch ist nicht viel los. Bis eben hat es geregnet, gerade erst klart es etwas auf und wird freundlicher. Einige der Standbesitzer haben ihre Ware noch mit Plastikfolie abgedeckt, andere scheinen erst jetzt zu starten und aufzubauen. Der erste Stand gehört einem älteren Ehepaar, das noch damit beschäftigt ist, seine Ware auszulegen. Die beiden haben sich zwei Klappstühle mitgebracht, auf denen sie Platz nehmen können, so dass sie sich nicht die Beine in den Bauch werden stehen müssen. Über einer der Lehnen hängt ein Trenchcoat, auf den ich ein Auge werfe. ‚Steht der zufällig auch zum Verkauf?‘, wende ich mich an Madame Vide-Dressing*. ‚Aber ja!‘, eilt ihr Mann herbei und reicht ihn mir. Schnell schlüpfe ich aus meiner lila Regenjacke, die mich bisher vor schlechtem Wetter geschützt hat, mit der ich mich in Paris aber ausgesprochen underdressed fühle. Und siehe da – das neue Stück passt wie angegossen! Im Kopf überlege ich, was ich zu zahlen bereit wäre. Insgeheim stelle ich mich auf einen Betrag um die €100 ein. ‚Was würde der denn kosten?‘, frage ich vorsichtig, obwohl der Entschluss, meinen Kleiderschrank um ein Pariser ‚Must-Have‘ zu erweitern, längst gefasst ist. Aber taktisch ist es vielleicht gut, sich die Begeisterung nicht ganz so stark anmerken zu lassen. Obwohl ich nicht besonders gut im Handeln bin, habe ich soviel doch gerade noch drauf. ‚€50, oder?‘ wendet sich Monsieur Vide-Dressing an seine Frau. ‚Nein nein, €40‘, verbessert diese schnell. ‚Gefällt er dir? Ich würde mich sehr freuen, ihn dir zu verkaufen! Das trägt man jetzt wohl wieder. Vintage sagt ihr dazu oder nicht? Der hier gehörte meiner Mutter und mir ist er leider zu groß…‘ Inzwischen kann ich mein Grinsen nicht mehr verbergen. Was für ein Glück ich doch habe! Und noch dazu ein Handel, mit dem beide Parteien absolut zufrieden erscheinen. Fragend werfe ich meiner Schwester einen Blick zu, was meint die? Ihren Augen ist Erstaunen, Freude für mich und ein kleines bisschen Neid auf dieses Schnäppchen abzulesen. Sie nickt. ‚Ja, nimm den auf jeden Fall!‘

Auch das weitere Stöbern lohnt sich. An einem Stand kaufen meine Schwester und ich einer Frau gleich drei Oberteile ab. Witzigerweise ausgerechnet drei der Shirts, die sie uns nicht extra aus ihrem Koffer hervorkramt, sondern die wir selbst herausfischen. Irgendwie schätzt sie unseren Geschmack genau falsch ein. Warum sie so viele schöne Sachen nicht mehr haben möchte, erkundigen wir uns. Madame Plus-De-Poids** erklärt: Seit ihrer Schwangerschaft habe sie ein paar Kilo mehr auf den Hüften und sei gezwungen, vieles auszumisten. Einiges gefalle ihr aber auch schlicht nicht mehr.

Auf der Rückfahrt, mit gut gefüllten Taschen voll erstklassiger Second-Hand-Ware, kaufe ich einem Mann, der seinen eigenen kleinen Obst-Markt am Metro-Ausgang veranstaltet, noch ein paar Avocados ab. Und wiederum ergibt sich eine schöne Begegnung daraus. ‚Achtung!‘, er zeigt zu meinen Füßen, ‚Ihnen ist etwas runtergefallen.‘ Verwundert schaue ich auf den Boden. Und in der Tat: Ohne es zu merken ist mir ein 10€-Schein aus dem Portemonnaie gerutscht. Seine Ehrlichkeit schätzend schaue ich Monsieur Fruits*** an. ‚Merci beaucoup!‘. Er erwidert meinen offenen Blick und reicht mir meine Einkaufstüte. ‚Das ist doch selbstverständlich. Einen schönen Tag noch und beehren Sie mich bald wieder!‘

Märkte sind nicht nur deshalb schön, weil man auf Schnäppchenjagd gehen kann. Sondern vor allem, weil der Handel, die Gespräche, viel direkter und netter sind als in Kaufhäusern und Supermärkten. In Zukunft sollte ich meine Sonntagvormittage mal wieder öfter so verbringen. Und ihr vielleicht auch?

* zu deutsch: Flohmarkt

** zu deutsch: mehr Gewicht

***zu deutsch: Obst

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