Patientenwohl und Wirtschaftlichkeit

Julien ist anzusehen, wie sehr er innerlich mit sich ringt. Vorsichtig setzt er an. ‚Ich denke, ich würde hier einen Lappen von oben herunterziehen. Denn so wird die Nasenspitze doch recht weit angehoben, nicht?‘ Professor Cartier ist nicht überzeugt. Er nimmt einen weiteren Faden zur Hand und fädelt das Loch auf dem Nasenrücken, das durch das Herausschneiden des Basalioms entstanden ist, tabakbeutelartig zu. Jetzt ist es kleiner, aber ein Loch ist es nach wie vor. ‚Das geht schon. Wie alt ist die Patientin noch mal? Geburtsjahr 1937… also 80? Das ist doch in Ordnung so. Dann kann sie direkt heute Abend entlassen werden.‘ Julien zuckt mit den Schultern. Deutlich ist ihm anzumerken, dass er anders gehandelt hätte. Aber mehr Widerworte traut er sich offensichtlich nicht zu geben.

Von vielen habe ich gehört, was für eine krasse Hierarchie im Krankenhaus gelte. In der HNO wird mir das heute wieder einmal bewusst. Professor Cartier hat als Chef nicht nur die Aufgabe, die Patienten gut zu versorgen, sondern auch, dabei möglichst wirtschaftlich zu handeln. Dies ist oft ein Interessenkonflikt. Mir tut die alte Dame leid, die von Julien sicherlich eine schönere Nase erhalten hätte. Privatpatienten tun sich mit der Chefarztbehandlung nicht unbedingt einen Gefallen. Dass Julien sich während des Eingriffs nicht deutlicher geäußert hat, erschrickt mich. Als Studentin sehe ich mich bislang noch nicht in der Position, Kritik an der Arbeit des Chefs zu äußern.* Doch als Facharzt wie Julien? Da hätte ich gedacht, dass man durchaus frei seine Meinung äußern kann. Aber wer weiß, vielleicht hat er schlechte Erfahrungen damit gemacht…

Ich nehme mir vor, mir Kommentare, mit denen ich ein Patientenschicksal ein klein wenig verbessern könnte, so selten wie möglich zu verkneifen. Der Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit und Patientenwohl ist mit Sicherheit oft schwer hinzubekommen. Aber dann möchte ich doch lieber dazu beitragen, schlechte Prozesse gerade zu ziehen und die Zusammenarbeit verbessern. Letzte Woche hat beispielsweise ein Team von drei Ärzten fast eine Dreiviertelstunde auf einen Anästesisten warten müssen. Und heute früh gab es eine Viertelstunde Verzögerung, weil der Akku des OP Tisches nicht aufgeladen war und erst ein Kabel organisiert werden musste. Solche Vorfälle sind nervig und und könnten sicherlich noch reduziert werden. Denn wenn Geld in der medizinischen Versorgung gespart werden muss, und da geht es Frankreich nicht anders als Deutschland bzw. wohl fast allen Ländern, dann doch lieber durch mehr Disziplin und besseren Absprachen als durch eilige Eingriffe und verunstaltete Nasen.

* Anmerkung: Hier in Frankreich kommt erschwerend hinzu, dass ich im entscheidenen Moment gar nicht alles verstehe. Die hier beschriebene Situation habe ich erst im Nachhhinein und mit Erklärungen von der Assistentin Marion komplett erfasst. Das macht es mir noch schwieriger, mich über Hierarchien hinwegzusetzen, als es ohnehin schon ist.

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