Die Höhlen-OP

Die Operationstechnik erster Wahl für einen Eingriff dieser Art. Sie ersetzt in unserem Fall die Laparotomie, bei der der Bauch vom Brustkorb bis kurz unter den Bauchnabel aufgeschnitten wird. Ein deutlich invasiverer Eingriff, der länger ausheilen und ein höheres Infektionsrisiko bergen würde; und von dem der Patientin obendrein eine riesige Narbe übrig bliebe. Die Endoskopie, das minimalinvasive Operieren mit Kamera, ist da deutlich schonender. Empfindliche Leser seien vorgewarnt: vielleicht möchtet ihr nicht ganz so genau wissen, wie so etwas abläuft.

Die Anästhesisten sitzen am Dräger Perseus, die Patientin ist erfolgreich intubiert worden und wird maschinell beatmet. Es reizt mich, zu fragen, ob sie mit dem Gerät, dessen Entwicklungsphase ich am Rande von meinem alten Job aus beobachten konnte, zufrieden sind. Später vielleicht, jetzt will ich erstmal lieber nicht stören. Die Schmerzmedikation beginnt zu wirken, die Gynäkologen können mit ihrer Arbeit beginnen.

Im ersten Schritt wird der Bauchraum der Patientin über eine dicke Nadel mit CO2 aufgebläht. Der Oberarzt Kevin bindet uns Studenten ein, wir sollen mitdenken: warum gerade CO2 als Gas? Es ist günstig, im OP ohnehin immer vorhanden und kann physiologisch vom Körper abgeatmet werden, was während der Operation von den Anästhesisten überwacht und gesteuert werden kann. Das entstehende Luftpolster ist ein guter Schutz für die inneren Organe, beim Einführen der Kamera und des OP-Bestecks, jeweils an ca. 40 cm langen Metallstäben montiert, ist die Gefahr, ein Organ zu verletzen, deutlich herabgesetzt. Außerdem brauchen die Chirurgen einen Hohlraum zum Operieren. Logisch irgendwie, aber so genau hatte ich darüber noch nie nachgedacht.

Die Patientin ist jung, 40 Jahre alt, und wird zum ersten Mal am Bauch operiert. Ihre Peritonealhöhle ist einwandfrei, mir kommt es fast vor, als würde ich Bilder aus dem Prometheus (unserem Anatomie-Atlas) sehen. Keine Verwachsungen, wie sie oft nach einer OP entstehen. Kevin und Martha, die assistierende Ärztin, schauen sich um und beseitigen die Endometriose, Gewebe, das dem der Gebährmutter ähnelt. Zyklusabhängig reagiert es auf die weiblichen Hormone, wächst an, schwillt ab, was der Patientin starke Schmerzen verursacht. Kurzerhand wird es von den Ärzten ‚verkohlt‘, um das Kind beim Namen zu nennen. Doch die Behandlung der Endometriose ist eher Nebensache. Eigentlich geht es bei dem Eingriff um eine Ovarialzyste, die so groß geworden ist, dass sie Beschwerden bereitet. Die Patientin hat keinen Kinderwunsch mehr, außerdem bleibt ihr ein gesunder Eierstock auf der anderen Seite, so dass entschieden wurde, ihr den rechten samt Zyste zu entfernen.

Geschickt hantieren die beiden operierenden Ärzte, den Blick starr auf den Bildschirm gerichtet; nach einer OP haben die Chirurgen bestimmt Muskelkater, wenn sie nicht aufpassen. Während Kevin die Kamera hält, ist Martha dabei, den Eierstock zu mobilisieren, Gefäße abzukappen und Bänder zu durchschneiden, ohne dabei die mit Flüssigkeit gefüllte Zyste zum Platzen zu bringen. Gute Kommunikation und Zusammenarbeit sind entscheidend. Ich frage mich, wie das durch die Zyste fast faustgroße Organ durch die kleinen Zugänge seinen Weg aus dem Bauchraum finden wird. Und bekomme prompt die Antwort.

Martha nimmt ein Instrument in die Hand, das sich am besten als ausklappbarer Kescher mit Plastikbeutelnetz beschreiben lässt. Ausklappbar deshalb, weil sie einen Stab in den Bauchraum einführt und über eine Sicherung dort ihren Kescher aufklappt. Kevin hilft etwas, indem er dem Eierstock einen kleinen Schubs verleiht und schon ist der Fang gemacht. Martha zieht den Stab zurück – etwas zu unvorsichtig. Eigentlich soll die Öffnung des Plastiksäckchens dabei gleich mit die Bauchdecke passieren, das hat nicht geklappt. Die Ärztin flucht und zupft unwirsch an dem kleinen Sicherungsfaden, um ihren Fehler wiedergutzumachen. Ruhig Blut. Martha ist keine meiner Lieblingsmediziner, verbissen und ehrgeizig habe ich sie erlebt, nun im OP die Ruhe verlieren scheint mir unangemessen. Zudem ist sie noch stark erkältet und hätte heute besser zu Hause bleiben sollen, doch das hat sie sich nicht zugestanden. Nun muss sie den OP zweimal verlassen, weil ihr fast schwarz vor Augen wird und die Beine drohen wegzusacken. Vermutlich sollte ich ihr Yoga und Atemübungen gegen Stress empfehlen, aber ich habe den Eindruck, dass sie einen solchen Hinweis einer Studentin eher als Beleidigung als als nett gemeinten Vorschlag auffassen würde. Dabei wäre etwas weniger Ego angemessen; und im Sinne der Patienten.

Letztendlich gelingt die Fummelei, die Öffnung des Beutels ragt durch eine kleine Öffnung im Bauch der Patientin. Die Zyste wird punktiert und es wird Flüssigkeit abgesaugt, um sie zu verkleinern; nach ein paar Minuten ist das Ovar erfolgreich entnommen. Der OP-Assistent nimmt es entgegen; es wird umgehend ins Labor geschickt, um histologisch untersucht zu werden. Fast ist es geschafft: Die Assistenzärztin kommt zum Einsatz, gemeinsam mit Martha näht sie die Schnitte, während Kevin den Operationssaal verlässt und beginnt den OP-Bericht zu schreiben. Keine Müdigkeit vorschützen! Die nächste Patientin ist bereits auf dem Weg.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s