Examen blanc

Eigentlich hätte die Probeklausur bereits vor zwei Wochen stattfinden sollen. Doch kurzfristig war damals entschieden wollen, dass aufgrund der Pariser Klimakonferenz und den damit verbundenen Straßensperrungen gegebenenfalls nicht alle Studenten pünktlich würden erscheinen können und der Termin besser verschoben gehöre. Uns Erasmus-Studenten hatte man leider versäumt, darüber zu informieren, so dass wir die einzigen waren, die – anstatt den Weg ins Krankenhaus anzutreten – pünktlich um 9.30h vor dem Hörsaal ‚Gutenberg‘ standen. Naja. Nun also heute, an meinem ersten Ferientag.

Der Termin erscheint mir nicht nur als Übung für die Studenten, sondern auch für die Organisatoren. Die medizinische Fakultät der Université Paris 13, der in Frankreich nur 1% der TOP-500 Studenten entstammen (zum Staatsexamen am Ende des Studiums gibt es eine landesweite Rangliste; die beste Fakultät des Landes stellt 13% der TOP-500), möchte zumindest technologisch auf Höhe der Zeit sein: Die Klausuren im Januar werden auf Apple-iPads geschrieben werden. Das ist zugegebenermaßen etwas aufwändiger als das bloße Verteilen von Zetteln und will daher trainiert werden.

Jeder Student hat nach Gesichtskontrolle (Vorzeigen des Studentenausweises) einen festen Sitzplatz zugewiesen bekommen und ein iPad erhalten. Die Tablets haben entweder eine weiße oder eine schwarze Hülle. Die auf den zweiten Blick eher dunkellila ist.. Mit dem Nachbar tauschen ist daher schwierig. Ich frage mich nur, ob ich beim Einloggen rein theoretisch auch die Zugangsdaten eines Mitstudenten eingeben könnte, sollte ich denn versuchen wollen, die Klausur eines anderen zu schreiben.. Unter den Studenten entdecke ich einige bekannte Gesichter aus meinem Praktikum in der Orthopädie. Der große sportliche Milat, der mit Jogginganzug und NY-Mütze auch heute nicht aussieht wie der typische Medizinstudent und mir breit grinsend zuwinkt. Yasmina, die des Öfteren nicht beim Praktikum erschienen ist und mich schüchtern aber freundlich begrüßt. Die engagierte Lucie, die ich gegen Ende etwas anstrengend fand, die sich jetzt aber freudestrahlend erkundigt, wie es mir die letzten Wochen ergangen ist.

Um 14.06h wird die ’numéro magique‘ bekannt gegeben, wir loggen uns zeitgleich in die Klausur ein, es kann losgehen. Die Fragen behandeln die Themen Gastroenterologie und Hepatologie – Fächer, die ich noch gar nicht belegt habe. Es geht wirklich primär darum, den Ablauf der Klausur kennen zu lernen. 16 freie Fragen und 16 Fragen, die sich an einem klinischen Fall entlang hangeln, warten darauf, beantwortet zu werden. Multiple Choice ist hier im wahrsten Sinne das, was das Wort eigentlich sagt: mehrere Antworten sind anzukreuzen, was die Angelegenheit deutlich erschwert. Im ‚cas clinique‘ hat der Patient eine Leberzirrhose vor dem Hintergrund einer Hepatitis C Infektion. Im Verlauf diagnostizieren wir zudem eine HIV-Infektion, hinweisend ist eine Lungenentzündung durch Pneumozysten. Ein paar Fragen hab ich vielleicht sogar richtig beantwortet, denn einiges erinnere ich aus Mikrobiologie. Ich frage mich, ob es in Deutschland Beschwerden gäbe, wenn Mikrobiologie und Infektiologie plötzlich Schwerpunkt einer Klausur in Hepato-Gastro wären. Die Franzosen scheinen sich daran nicht zu stoßen, auch in Klausuren sind sie scheinbar den Praxisbezug gewohnt. Und schließlich werden die Patienten sich später auch nicht an die Grenzen unseres jeweiligen Fachgebiets halten.

Nach einer halben Stunde bin ich fertig, doch Abgabe ist für alle erst nach 60 Minuten. Einer der Helfer, der in seinen quietschgelben Turnschuhen die langen Treppenstufen auf und ab patrouilliert, bleibt neben mir stehen, beugt sich zu mir herab und flüstert besorgt, ob es zu einfach gewesen sei oder gar zu schwer und ob ich nicht noch mal über meine Antworten nachdenken möchte. Offensichtlich habe ich all zu auffällig in die Luft gekuckt. Ich schmunzele, gerührt von seiner Fürsorge, und erkläre ihm meine Situation.

Pünktlich um 15.06h dürfen wir die iPads wieder abgeben. Was wohl außerhalb der Klausurphasen mit ihnen passiert? Um im Schrank zu liegen und einzustauben sind sie doch viel zu schade…

Ich habe Glück, heute ist ein Professor der renommierten Necker-Kinderklinik zu Gast. Ein Arzt der alten Schule. Hoffentlich stört er sich nicht daran, dass ich den Raum mit einem Becher Fair-Trade-Automatenkaffee betreten habe.. Grundsätzlich gefällt mir der Respekt, der ergrauten Ärzten entgegen gebracht wird: während in anderen Berufen die Gefahr besteht, dass Mitarbeiter jenseits der 50 zusehends als Last angesehen werden und es oft eher die jungen, frisch ausgebildeten Kollegen sind, die gefördert werden, ist in der Medizin jedem bewusst, wie wertvoll jahrelange Erfahrung ist. Dr. Renard bemängelt trotzdem unser Benehmen. Er bedauert, dass nur knapp 10% der Studenten unseres Jahrgangs erschienen sind, um ihm zuzuhören (was nichts Neues ist; ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, kann aber immer noch nicht nachvollziehen, dass so viele meiner Kommilitonen sich grundsätzlich gegen den Besuch von Vorlesungen entscheiden). Und kommt regelrecht in Rage, als er auf einem der Tische eine Packung Zigaretten erblickt. 74.000 Todesfälle pro Jahr, die auf das Rauchen zurückzuführen sind, gibt es in Frankreich, scheinbar ist kürzlich eine aktuelle Statistik erschienen. Das sind über 200 pro Tag. Ohne weiter auszuführen erinnert er uns daran, dass bei den Attentaten am 13. November 130 Menschen ihr Leben verloren haben…

Am Ende der Vorlesung haben ihn unser Interesse an seinen Ausführungen und die ihn zufrieden stellenden Beiträge in seinem interaktiven Unterricht jedoch versöhnt. Er bedankt sich und spricht uns Mut zu für die noch zu überwindenden Prüfungen, an deren Ende – und das verkörpert Professor Renard sehr eindrücklich – ein erfüllender und spannender Beruf steht. Wollen wir es hoffen. Vorerst wünscht er uns aber Erholung und besinnliche Feiertage.

Ich freue mich auf die Zeit zu Hause, Familie, Freunde und weihnachtliche deutsch-indonesische Gemütlichkeit. Und bin gleichzeitig sehr froh, dass meine Zeit in Krankenhäusern der nördlichen Pariser Banlieues noch nicht abgeschlossen ist und es 2016 weiter geht mit meinem kleinen Abenteuer. An dieser Stelle vielen Dank für euer Interesse. Sowie… Fröhliche Weihnachten und einen guten Rutsch!

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