Hello World!

Madame C. ist ziemlich entspannt. Zumindest entspannter, als ich mir eine Frau in den Wehen vorgestellt hätte. Zum großen Teil ist das der Periduralanästhesie zu verdanken, für die sich in Frankreich sehr viele Frauen entscheiden. Den Wunsch, eine ‚ganz natürliche‘ Geburt zu erleben, gibt es hier seltener als in Deutschland. Hebamme Aurélie untersucht die Patientin sorgfältig und ist zufrieden. Das Cardiotokogramm, kurz CTG, zeigt regelmäßige Wehen in immer kürzer werdenden Abständen an, ohne dass der Puls des Kindes dabei verlangsamt. Und der Muttermund ist schon 5cm weit geöffnet. Vermutlich werde das Baby noch vor dem Mittag auf der Welt sein, teilt Aurélie Madame C. mit. Die strahlt und sieht wunderschön aus. Und muss sich im nächsten Moment übergeben. Ganz so entspannt, wie es aussieht, ist das ganze scheinbar doch nicht.

Bei der nächsten Kontrolle eine Stunde später ist Aurélie abermals sehr erfreut. Dass es so schnell gehen würde, hätte sie nun doch nicht gedacht. Der Muttermund hat sich noch weiter geöffnet und das Baby liegt genau richtig. Kurzerhand stellt Aurélie das Licht ein, holt Abdecktücher, leert ein letztes Mal die Blase der werdenden Mutter, zieht sterilen Kittel, Handschuhe, Maske und Kopftuch an und gibt dem werdenden Vater die klare Anweisung, am Kopfende des Geburtstisches zu bleiben. Erfahrungsgemäß ist es keine gute Idee, wenn Ehemänner all zu viel zu sehen bekommen.

Dann geht wirklich alles sehr schnell. Madame C. befolgt tapfer Aurélies Anweisungen und kaum haben die letzten Presswehen eingesetzt, hat Aurélie mit ein paar gekonnten Handgriffen auch schon einem neuen kleinen Erdenbürger auf die Welt geholfen. Das kleine Mädchen verhält sich bei dieser Mustergeburt ebenfalls vorbildlich und zeigt mit einem kräftigen Schrei an, dass sie nun auch etwas zu sagen hat auf dieser Welt. Insofern bleibt Aurélie ruhig und lässt die frisch gebackene Mutter ihr Baby erst einmal in die Arme schließen. Wenn das Neugeborene sich nicht sofort geregt hätte, hätte es direkt auf den Untersuchungstisch im anderen Raum gemusst, aber so weiß die Hebamme, dass das noch eine halbe Stunde auf sich warten lassen kann. Und lässt den Eltern Zeit, ihr Kind zu begrüßen.

Während Madame C. ihr Glück kaum fassen kann und strahlend ihr Kind an sich drückt, setzt sich Monsieur C. still und heimlich auf einen für diesen Zweck bereit stehenden Stuhl. Ziemlich bleich ist er, ein bisschen viel war das ganze nun doch für ihn. Schwester Melanie kippt fürsorglich seine Lehne nach hinten und das Fußteil hoch. Im Kreißsaal sollen Männer möglichst nicht zu Patienten werden.

Aurélie wartet hingegen auf die Nachgeburt. In Frankreich verfügen Hebammen über mehr Autonomie im Kreißsaal als in Deutschland. Statt einer Ausbildung von drei Jahren absolvieren sie ein fünfjähriges Studium. Das erste Jahr studieren sie dabei Seite an Seite mit den Medizinstudenten und verfügen somit über eine medizinische Grundausbildung, die fast vergleichbar ist mit den Grundlagen, die in Deutschland für das Bestehen des ersten medizinischen Staatsexamens erwartet werden. Daher ist es Aurélie und kein Gynäkologe, die nun den Dammriss von Madame C. näht, sorgfältig die Plazenta (den Mutterkuchen) untersucht und dann Papa und Baby mitnimmt, um das Neugeborene gründlich zu untersuchen. Als ich ihr später erzähle, dass das in Deutschland anders organisiert ist, ist sie verblüfft. Und freut sich, dass sie in Frankreich mehr Aufgaben übernehmen kann. Mit einem breiten Lächeln erklärt sie mir, dass es ihr Spaß mache, komplette Geburten zu betreuen. Und dass sie deshalb auch nicht in einer Privatklinik würde arbeiten wollen, wo sie zwar besser bezahlt würde, aber ebenfalls einige Aufgaben an die Ärzte würde abtreten müssen. Ich freue mich zu beobachten, mit wie viel Freude und Leidenschaft sie ihre Arbeit ausführt. Und habe keinen Zweifel daran, dass eine zufriedene Hebamme für die werdenden Mütter außerordentlich wichtig ist.

*****

Nachtrag zum letzten Post: Heute früh wurde in der Morgenbesprechung auch der Fall von Madame B. vorgestellt. Man erinnere sich: Vaginismus, erster Verkehr nach drei Jahren Ehe, mit 39 Jahren nun zum zweiten Mal schwanger mit Wunsch einer Entbindung per Kaiserschnitt. Die Reaktion der jungen Assistenzärzte kann ich noch nachvollziehen: ungläubiges Staunen, ein paar Lacher, wohl aber mehr aus Fassungslosigkeit und Unsicherheit als aus Spott und Hohn. Entsetzt bin ich dagegen über die Worte des Chefarztes. Er sehe medizinisch keine Indikation zum Kaiserschnitt (ok, dann ist das so). Wirft aber dazu noch die Vermutung in den Raum, dass eine natürliche Geburt der Frau ja vielleicht sogar helfen könne, mit ihrem Körper und ihrer Sexualität Frieden zu schließen. Von einem gestandenen Arzt in der Frauenheilkunde, einem Chef, der im besten Fall Vorbild für sein Team sein sollte, hätte ich mir mehr menschliches Feingefühl und psychologisches Gespür erhofft als dieser Kommentar vermuten lässt. Docteur Bassar widerspricht, was mich erleichtert. Auch er hat der Patientin in der Sprechstunde erklärt, dass eine normale Geburt auch bei Vaginismus möglich ist, es dafür jedoch einer intensiven Vorbereitung von Beginn der Schwangerschaft an bedürfe, für die es bei Madame B. allerdings zu spät ist. Ihre Schwangerschaft ist schon zu weit vorangeschritten. Das müsste doch eigentlich auch der Chef wissen, selbst wenn er es vielleicht persönlich nicht nachvollziehen oder verstehen kann. 

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