Eines Nachts auf der Kindernotaufnahme

Lina strampelt vergnügt, ihre Augen strahlen. Zum Dahinschmelzen. Sie ist noch zu klein, um schlechte Erfahrungen mit Leuten in weißen Kitteln gemacht zu haben. Oder generell zu fremdeln. Es ist meist einfacher, vier Monate alte Kinder zu untersuchen als zum Beispiel Zweijährige und Lina macht es mir noch dazu leicht, weil sie quietschvergnügt ist und keinen Anschein macht, krank zu sein. Trotzdem ist ihr Vater gekommen, weil sie heute und gestern schlecht getrunken hat. Ich nehme ihren kleinen Körper von oben bis unten unter die Lupe, kann allerdings nichts Auffälliges feststellen. Als ich eine Viertelstunde später mit Clare, seit einer Woche Interne und in Ausbildung zur Kinderärztin, wiederkomme, sieht die Situation sogar noch besser aus: Lina hat soeben 110ml ihrer Milch getrunken und macht weiterhin einen kerngesunden Eindruck. Sie darf direkt wieder nach Hause gehen. Clare erklärt ihrem Vater nur, bei welchen Symptomen er wiederkommen sollte. In erster Linie handelt es sich dabei um Anzeichen von Dehydratation, hohes Fieber oder auch wenn sich Linas Verhalten ändert. Und auf jeden Fall, wenn ihm sonst etwas komisch vorkommen und er zweifeln sollte, ob sein Kind ärztliche Hilfe braucht.

Notaufnahme, das klingt für viele höchst dramatisch – aber längst nicht alle Kinder, die ich hier sehe, sind auch aus ärztlicher Sicht wirklich in Not. Das ist sogar eher die Ausnahme. In erster Linie müssen oft die Eltern beruhigt werden und lernen, ihrem Kind bei einem Virusinfekt mit guter Pflege (und Paracetamol) etwas Linderung zu verschaffen. Oder auch erklärt bekommen, dass ein Hämatom am Kopf, sollte es auch noch so schlimm aussehen, kein Grund zur Sorge ist, sofern es nach dem Trauma nicht zur Bewusstlosigkeit gekommen ist, das Kind sich übergeben hat oder neurologische Schwierigkeiten aufgetreten sind. Es ist natürlich richtig, dass die Eltern sich im Zweifel Hilfe suchen. Trotzdem denke ich darüber nach, ob erfahrene Großmütter, wenn sie denn ihre Enkel sehen würden, in einigen Fällen nicht zu Hause geblieben wären und erst einmal abgewartet hätten.

Clare ist nervös, unsere Patientenquote sieht in etwa so aus: 0,5 zu 1 zu 4. Während ich einen Patienten zur Hälfte versorge (mehr als das Anamnesegespräch und die Untersuchung darf ich noch nicht übernehmen), versorgt Clare einen Patienten inklusive Diagnosestellung und Rezeptausstellung. Und Stefan, unser Oberarzt, behandelt in dieser Zeit routiniert vier Patienten. Es wird sehr deutlich, wie die ärztliche Versorgung von Menschen als gut organisierter Prozess geregelt ist: Die Kinder werden angemeldet, die Krankenschwestern erheben Temperatur, Herzfrequenz und Körpergewicht und erfragen den Grund des Erscheinens. Daraufhin schätzen sie den Schweregrad der Erkrankung der Kinder ab und im IT-System werden die Kinder farbig gekennzeichnet: ein rotes Label bedeutet Notfall, es kommt sofort ein Oberarzt, orange verlangt immerhin einen Assistenzarzt und für die hell- und dunkelblau markierten Kinder (der Unterschied zwischen beiden ist mir noch nicht ganz klar) reicht auch erst einmal ein Student aus – heute Nacht also ich. Meine ersten Patienten haben dementsprechend eine leichte Gastritis, eine Pharyngitis, Verstopfung.

Clare ist sehr nett und hilfsbereit, es macht Spaß, mit ihr zu arbeiten. In einem ruhigen Moment fragt sie mich, ob ich schon einen Reflexhammer besitze, was ich verneine. ‚Dann kannst du meinen alten haben, hier! Der ist nicht ganz so gut wie der neue, etwas kleiner und leichter, aber ich habe den mein gesamtes Externat hindurch benutzt, er sollte also ausreichen.‘ Ich freue mich sehr über dieses unerwartete Geschenk. Danke! Die zierlichen französischen Hämmerchen gefallen mir ohnehin besser als die klobigen deutschen und ich fühle mich geehrt, Clares ‚Erbe anzutreten‘.

Um halb eins kommen doch noch zwei Patienten, denen es gar nicht gut geht. Die Eltern des dreijährigen Mamadou sind dennoch sehr ruhig und gelassen: Sie kennen die Situation nur zu gut. Nicht nur Mamadou, sondern auch seine ältere Schwester leidet an Asthma. Diesmal war der Auslöser eine leichte Erkältung, die vor drei Tagen begann. Nun atmet Mamadou schwer, ist übermüdet und unwillig, sich untersuchen zu lassen – aber auch er kennt das Krankenhaus und sogar den Oberarzt inzwischen ziemlich gut, so dass er die Untersuchung zu guter Letzt tapfer über sich ergehen lässt.

Um eins ist für mich die Nacht beendet und ich freue mich über das Studentenbett, das zwischen Fenster und Schließfächern in den Umkleideraum der Externes gequetscht wurde. Frische Luft, sogar eine Nachttischlampe und (da im fünften Stock) angenehm ruhig, fernab von der Notaufnahme. Wenn etwas ‚interessantes’* kommt, wird Clare mich anrufen. Was will man mehr?

* Ich tue mich noch etwas schwer damit, seltenere Fälle (oder auch schlimmere, dramatischere) als ‚interessant‘ zu bezeichnen. Irgendwie erscheint mir das unangemessen. Gleichwohl ist es aus Sicht der Medizinstudenten aber die logische Schlussfolgerung, über die Jahre wurde uns beigebracht, Patienten mit einem professionell-medizinischen Blick anzusehen. Und generell ist es schon sinnvoll, während der Ausbildung darauf zu achten, möglichst viele ‚Fälle‘ zu sehen. Damit steigt die Chance, später selbst die besondere Aufmerksamkeit erfordernden Einzelfälle unter den Alltagskrankheiten zu erkennen und die richtige Behandlung einzuleiten. Dies an dieser Stelle als Erklärung über die vielleicht manchmal etwas gewöhnungsbedürftige Rhetorik, die nicht bedeutet, dass ich kein Mitgefühl mehr habe oder das Schicksal des Patienten übersehe. (Im Übrigen wurde ich nicht geweckt, sondern bin erst wieder um kurz vor acht zur Vorbereitung der morgendlichen Übergabe aufgestanden.)

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