Studentische Hilfssheriffs

Spannung liegt in der Luft. Lucie regt sich auf. So nett und hilfsbereit sie ist, merke ich mit der Zeit, dass sie mit ihrem Engagement und ihrem Perfektionismus für ihr Umfeld etwas anstrengend sein kann. Denn ihre eigene Arbeitsweise sähe sie gern 1:1 bei allen anderen. Doch wie es im Leben nun mal so ist, geht auch hier auf der orthopädisch-chirurgischen Station jeder seinen eigenen Weg; im Rahmen der Freiräume, die den Studenten gelassen werden, ob mangels genauerer Vorgaben der Oberärzte oder weil es nicht den einen perfekten Weg gibt. Bekanntlich führen viele Wege nach Rom. Lucie scheint das anders zu sehen und legt hin und wieder etwas unangenehme erzieherische Züge an den Tag. Mohamed, einer ihrer Freunde, der den Ärzten gegenüber sehr aufrecht stehend mit einer fast militärisch anmutenden Unterwürfigkeit und Gewissenhaftigkeit auftritt, steht ihr dabei zur Seite. Er ist gut darin, Kommilitonen sehr konkrete Arbeitsanweisungen zu geben.

Heute kommt es zum Konflikt, als Lucie und Mohamed sich im Ärztezimmer ausgiebig darüber auslassen, dass David – obwohl seine Binome-Partnerin krank ist – in den OP gegangen ist, ohne abzustimmen, wer sich um seine Patienten kümmern kann. Sicherlich ist ihre Kritik berechtigt, Kommunikation hätte (wie so oft) geholfen; andererseits hat kürzlich der nette japanische Oberarzt uns allen ans Herz gelegt, die Prioritäten wie folgt zu setzen: 1. OP, 2. Sprechstunde, 3. Stationsarbeit. Auf der Station sei immer die gleiche Routine zu beobachten, da würden wir alle noch genug Zeit verbringen. Insofern könnte man auch verteidigend einwerfen, dass David eine Empfehlung des Chefs beherzigt hat. Und wenn man ganz ehrlich ist, ist heute auf der Station nicht viel los, es gibt also keinen Grund, sich derart zu echauffieren. Aber es geht ums Prinzip.

Milat mischt sich ein um die Wogen zu glätten, mit dem Hinweis, dass es am besten wäre, nicht über-, sondern miteinander zu reden. In diesem Fall mit David. Und dass er für heute gern die Patienten von David versorgen könne. Sehr kollegial, danke! Mal sehen, ob sich die vernünftige und erwachsene Einstellung des großen, in sich ruhenden Studenten, der mit uns Erasmus-Studenten gern seine aus Schulzeiten übrig gebliebenen Deutschkenntnisse erprobt und der heute in Jogginghose erschienen ist, mit der Zeit auf seine Kommilitonen überträgt. Wünschenswert wäre es. Das Leben eines französischen Medizinstudenten ist auch so schon nicht immer einfach; sich zusätzlich gegenseitig das Leben schwer zu machen, ist nicht nötig.

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