Da sein.

Schreiben als Katharsis, als innere Reinigung. Ein bisschen so hat dieser Blog oft funktioniert. Denn in der Medizin gibt es immer wieder Situationen, die mich emotional bewegen und berühren, die ich mit mir trage und die ich verarbeite, unter anderem durch das Beschreiben, Einordnen, Niederschreiben. 

Die Monate ziehen dahin und es hätte vieles Berichtenswertes gegeben, jetzt aber ist es etwas anderes – einiges muss raus, muss ich loswerden.

Denn nach kleinen Schritten in der Klinik fühle ich mittlerweile die Last der Verantwortung, die mein Tun im Krankenhaus mit sich bringt. Während ich mich in den ersten Monaten in einem eng geknüpften Netz aus Kollegen gut aufgehoben fühlte, habe ich nun verstanden, dass dieses Netz zwar nach wie vor funktioniert – aber nur dann, wenn alle Beteiligten daran arbeiten, es stabil geknüpft zu halten. Auch ich, obwohl ich immer noch das Gefühl habe, neu zu sein und doch eigentlich vieles noch nicht selbst einschätzen zu können.
Meine Kollegen stehen mir mit Rat und Tat zur Seite – und gleichzeitig muss ich mir selbst von jeder Situation, jedem Kind, mein eigenes Bild machen. Versuchen, vorurteilsfrei in ein Untersuchungszimmer zu gehen, mit allen Sinnen und durch gezieltes Fragen und Untersuchen ein Kind einschätzen und meine Schlüsse ziehen. Erst dann abgleichen mit den mir übertragenen Eindrücken meiner Kollegen – und mich für ein Prozedere entscheiden, das ich dann wiederum mit meinen Oberärzten bespreche.

Was vielleicht banal klingen mag, ist in der Klinik nicht immer einfach durchzuhalten. Ständig will jemand etwas von mir, auf den Fluren herrscht durchgehend ein reges Treiben, oft ist die Atmosphäre stressig. Und in solchen Momenten dennoch hellwach zu sein, ist eine Herausforderung. 
In einer Famulatur, die ich vor drei Jahren in der Praxis eines erfahrenen niedergelassenen Kinderarzt gemacht habe, hat Dr. T. jedes Mal, bevor er ein Zimmer betreten hat, seine Hand einen Moment lang auf der Türklinke liegen lassen, tief durchgeatmet – und mir dabei in die Augen geschaut. 

Mittlerweile betrete ich die Zimmer meist allein. Das Durchatmen und Sammeln der Konzentration habe ich mir von ihm abgekuckt. Jeder Patient hat es verdient, einer wachen, gesammelten Ärztin gegenüber zu stehen. Das ist mir bewusst. Und trotzdem aktuell eine meiner größten Aufgaben. 

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