Bei den Narkoseärzten

Meine Ärztin soll sehr nett und engagiert sein. Das hat mir zumindest eine Kommilitonin erzählt, die ich heute früh vor dem schwarzen Brett getroffen habe. Dem schwarzen Brett, dem wir altmodisch analog jeden Tag aufs neue entnehmen können, wem wir im Dienst folgen. Ich bin gespannt!

Denn nette Mentoren sind toll

Die Worte meiner Kommilitonin kann ich nur bestätigen. Kaum bin ich im OP dabei, überträgt mir die junge Ärztin die Protokollführung. ‚Hast du schon mal Protokoll geschrieben? Nein? Dann lernst du es jetzt.‘ Gewissenhaft trage ich alle fünf Minuten Vitalparameter wie die Herzfrequenz, den Blutdruck, die Sauerstoffsättigung ein. Auch, wann welches Medikament hinzukommt, wird genauestens dokumentiert. Im Vergleich zu einigen anderen Kollegen geht meine Mentorin selbst dabei ebenfalls sehr ordentlich und genau vor; bei anderen habe ich schon gesehen, dass das Protokoll mit deutlich mehr Routine (man könnte es vielleicht sogar Nachlässigkeit nennen) ausgefüllt wurde… Dabei hat uns gerade heute früh einer der Oberärzte im Studentenseminar erzählt, dass es – zum Beispiel, wenn ein Behandlungsfehler doch mal vors Gericht kommt – durchaus auch heute noch auf genau dieses Dokument ankommt und er schon mit Richtern und Anwälten an einem Tisch saß, die mit gezücktem Lineal die Kurven ausgewertet haben. Wenn die wüssten, wie die oft hingekritzelt werden… Insofern nehme ich meine Aufgabe ernst und merke wieder einmal, dass ich viel mehr aufnehme und lerne, wenn ich selbst etwas zu tun habe, als wenn ich nur jemandem über die Schulter schaue.

Im OP ist auch eine Anästhesieschwester im ersten Lehrjahr. Sie staunt darüber, dass ich – nach fast 9 Semestern – immer noch knapp zwei Jahre Studium vor mir habe. Das ging mir schon öfter so: Das Medizinstudium wird besonders von Außenstehenden als extrem lang wahrgenommen. Wenn ich mit Kommilitonen darüber spreche, gibt es im Gegenteil viele, denen schon jetzt angst und bange wird bei dem Gedanken, nicht mehr all zu viel ihres Studentenlebens vor sich zu haben. Mir geht es anders: ich habe Lust auf den Beruf und so langsam auch genug von Klausuremphasen und dem Lehrlings-Status. Aber alles hat seine Vor- und Nachteile!

Ein bisschen Mentor sein kann ich allerdings auch schon

Die Anästhesistin bittet mich, unser Anästhesie-Schwesternschülerin das Monitoring zu erklären; so kann sie prüfen, was ich schon gelernt habe und gleichzeitig profitiert unsere junge Kollegin davon. Eine gute Idee! Denn einer Ärztin einen Vortrag über ihr täglich Brot zu halten, käme mir dann doch etwas seltsam vor. Insofern gehe ich die einzelnen Parameter durch und merke dabei, dass neun Semester doch schon einiges gebracht haben; die Ärztin nickt zustimmend und ergänzt.

Der nächste Patient

Bei der nächsten Einleitung übernehme ich (unter Aufsicht, versteht sich) die Maskenbeatmung. Gerade noch theoretisch im Seminar besprochen, merke ich nun, wie fest die Maske tatsächlich auf das Gesicht des Patienten gehalten werden muss (Stichwort C-Griff, ggf. doppelt), wie wichtig dabei die Reklination des Kopfes ist und wie sehr ein Bart doch stören kann. Der Güdel-Tubus hilft. Die Intubation übernimmt dann meine Mentorin, wobei ich ihr über die Schulter schaue; die Puppen, mit denen wir geübt haben, müssen einiges mehr über sich ergehen lassen; hier sieht das ganze doch etwas sanfter aus.

Es geht auf die Mittagszeit zu, inzwischen ist unser Patient auf dem OP-Tisch und die Chirurgen haben mit ihrer Arbeit begonnen; die Anästhesistin schaut mich an. ‚Willst du nicht essen gehen? Ich würde dir empfehlen, jetzt zu gehen, bei der Narkose passiert erstmal nicht mehr viel und dann bist du wieder da, wenn wir ihn aufwachen lassen und den nächsten Patienten einleiten. Du bist Studentin, geh einfach, wenn du Hunger hast und komm danach wieder; das kannst du dir frei einteilen.‘

Da ist er also wieder, der Studentenstatus. Diesmal empfinde ich ihn durchaus als angenehm.

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2 Gedanken zu „Bei den Narkoseärzten

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