Reise nach Jerusalem

Im Frühjahr 2014 machte ich mich gemeinsam mit sieben weiteren Kommilitonen und einem Professor auf die Reise. Denn warum sollten sich Medizinstudenten ausschließlich mit fachlichen Themen auseinandersetzen? Insofern beschlossen wir, uns zwei Wochen Zeit zu nehmen und Israel zu erkunden; wobei wir ein bisschen Medizin trotzdem integriert haben… 

Die Altstadt Jerusalems mit seinen engen Gässchen, jahrhundertealten Mauern und exotischen Düften fasziniert und beeindruckt auf den ersten Blick. Doch nach ein paar Tagen erkennen wir, was diesen Ort wirklich einzigartig macht: es ist die religiöse und historische Bedeutung, die er trägt. Überreste des zweiten jüdischen Tempels, die Klagemauer, ziehen Juden zum Gebet an. Direkt darauf errichtet der imposante Felsendom, der für Muslime neben Mekka und Medina eine der heiligsten Stätten darstellt. Und vor den Toren des Tempelbergs die Via Dolorosa, die zur Grabeskirche führt – der Stelle, an der Überlieferungen nach Jesus begraben wurde.

Uns wird bei der Erkundung dieses (im Verhältnis zu seiner mächtigen Bedeutung) kleinen Areals zumindest eine Dimension des politischen Konflikts bewusst: Um Gläubigen den Zugang zu diesen Heiligtümern zu gewähren, muss es ein friedliches Miteinander zwischen den Bewohnern und den Besuchern, Angehörigen der drei Weltreligionen, geben. Alles andere lässt die räumliche Nähe nicht zu; eine Aufteilung zu aller Zufriedenheit ist kaum möglich.

Medizin studieren in Palästina

Neben dem üblichen Programm, das der interessierte Tourist in Jerusalem sich vornimmt, haben wir noch einen weiteren Besuch geplant: Vorab haben wir Kontakt zu der palästinensischen AlQuds-Universität aufgenommen. Sie liegt nur drei Kilometer von der Altstadt entfernt, wir möchten gern den Campus besuchen, mit Studenten und Professoren sprechen und hören, wie dort ein Medizinstudium aussieht.

Schon die Anfahrt stellt sich als schwieriger dar als erwartet. Von mehreren Taxifahrern haben wir gehört, dass eine Fahrt zum Campus nur über einen mehr als 30km weiten Umweg möglich sei – obwohl die Uni nur knapp 3km Luftlinie weit entfernt ist. Ihre Begründung: der nächste offizielle Grenzübergang, den man nehmen könne, sei nun mal so weit entfernt. Wir entscheiden uns, das ganze zu Fuß anzugehen, überzeugt, dass es einen anderen Weg geben müsse, auch wenn wir uns wundern, dass uns die Taxifahrer und auch die Leute an der Rezeption dazu nicht genaueres sagen können (oder wollen?). Sie schütteln nur den Kopf. Angesichts unserer Blauäugigkeit? Wir wollen es herausfinden.

Schon nach kurzer Zeit Fußmarsch durch prallen Sonnenschein ist der Campus in Sichtweite – ein Grenzübergang leider nicht. Ein bisschen irren wir umher, gehen an der Mauer entlang, wenden uns an Anwohner, die uns letztendlich den Weg weisen, nach mittlerweile einigen zurückgelegten Kilometern. Auf der anderen Seite steigen wir in palästinensische Taxis, für die wir – verglichen mit den Preisen in Jerusalem – mit 20 Schäkel pro Auto einen Spottpreis zahlen, und erreichen endlich die AlQuds Universität.

Der Campus ist sehr modern und gepflegt

Das liegt natürlich auch daran, dass ein Studium für Palästinenser ein Privileg ist, die teuren Studiengebühren können sich nur die wohlhabendsten Familien leisten, und die fordern entsprechend eine gute Infrastruktur. Nur die kaputten Fensterscheiben an einem noch nicht ganz fertig gestellten Gebäude irritieren. Erst auf den zweiten Blick erkennen wir, dass es sich um Einschusslöcher handelt, ein für uns ungewöhnlicher Anblick, den wir so schnell nicht vergessen werden. Die Anatomie-Dozenten, die uns trotz verspäteter Ankunft sehr freundlich empfangen und umgehend mit Getränken versorgt haben, erklären: es passiere halt, dass palästinensische Jugendliche aus Frust Steine schmeißen würden und daraufhin das israelische Militär auf den Campus komme. Aber wo sind die Studenten heute? Wir wundern uns über den leeren Campus: bedauerlicherweise wäre ausgerechnet heute wieder ein Studentenstreik, wird berichtet, auch das sei üblich. Die Studenten seien stark involviert in Hochschulpolitik und protestierten zum Beispiel aus Solidarität gegenüber Kommilitonen, deren Studium aufgrund von finanziellen Problemen gefährdet sei, oder eben für die Verschönerung des Campus.

Theorie: Top. Praxis: Schwierig…

Der Prodekan nimmt sich viel Zeit für uns, er koordiniert den Studiengang Medizin. Er selbst hat sein Studium im Irak, Saudi Arabien und Jordanien und seine Facharztausbildung in London absolviert und möchte nun mit seinem Wissen dazu beitragen, die ärztliche Ausbildung in seiner Heimat weiterzuentwickeln. Er lobt die palästinensischen Studenten: In der Theorie könnten sie allemal mit internationalen Studenten mithalten; nur die praktische Ausbildung stelle sich schwierig dar. Die Universität hat keine Uniklinik, die Studenten werden in Krankenhäuser in ganz Palästina verteilt, um Praktika und Famulaturen zu machen, teilweise werden auch Busse nach Jerusalem organisiert, so dass eine Gruppe von Studenten in israelischen Krankenhäusern Erfahrung sammeln kann. Die Grenze ist dabei eine Hürde, die alles komplizierter macht, die Studenten dürfen erst mit 21 und einer besonderen Genehmigung passieren; obwohl die meisten von ihnen das Studium bereits mit 18 Jahren beginnen. Und in den palästinensischen Krankenhäusern ist es schwierig, die Ärzte dazu zu bringen, einheitliche Kurrikula zu vermitteln: fast alle wurden im Ausland ausgebildet, Nachbarländern, aber auch den USA, Europa, Südamerika, bunt gemischt sind dementsprechend ihre Vorgehensweisen und Arbeitsmethoden. Auch die Absolventen der AlQuds Universität werden nach ihrem Abschluss zu fast 90% auswandern. Weil sie sich selbst nach besseren Lebensumständen sehnen, das ist sicherlich einer der Gründe, aber auch, weil in ihrem eigenen Land eine gute Facharztausbildung kaum möglich ist. Sie werden von ihren Patienten und Kollegen nur anerkannt werden, wenn sie im Ausland ausgebildet wurden. Viele der Palästinenser, die es sich leisten können, lassen sich ohnehin lieber in Israel, Jordanien oder anderen Nachbarländern behandeln, weil sie mehr Vertrauen in die dortige Versorgung haben.

Massiver Brain Drain

Kurz danach sitzen wir mit dem ehemaligen Gesundheitsminister Palästinas und jetzigen Dekan der AlQuds Universität zusammen. Er erzählt, dass Stipendienprogramme mit dem Ziel, Absolventen nach ihrer Facharztausbildung wieder ins Land zu locken, nicht funktioniert haben. Und dass Alumni, die mittlerweile in den USA leben, bei dem Versuch, ihre Universität finanziell zu unterstützen, vom amerikanischen und israelischen Geheimdienst als verdächtig eingestuft und überwacht wurden. Zudem bemängelt er manche Forderungen der Studenten, die auch protestieren und streiken, wenn zu viele Studenten durch eine Klausur gefallen sind. Vermutlich sind zwar viele, aber eben doch nicht alle Probleme, mit denen sich palästinensische Professoren beschäftigen müssen, ihren deutschen Kollegen gänzlich fremd.

Wir, aber auch andere interessierte Studenten unserer Uni, werden herzlich eingeladen, für das PJ oder eine Famulatur wiederzukommen. Wir werden sehen, vielleicht kommen ja einige von uns darauf zurück. Daran, dass wir gut aufgenommen würden, besteht auf jeden Fall kein Zweifel.

Anschließend schauen wir uns die Lehrräume für Anatomie und Biochemie an, gar nicht so anders als bei uns. Einen Präpkurs wie bei uns gibt es nicht. Aber die Studenten bekommen zumindest immer mal wieder die Möglichkeit, sich Präparate anzuschauen.

Auf dem Campus befindet sich außerdem noch ein ‚Museum’, in dem Zeugnisse der Besetzung Palästinas gesammelt und ausgestellt sind. Briefe, Malereien, Kunst von Inhaftierten, Berichte über Schicksale, zerrissene Familien. Wir müssen schlucken. Einige junge Assistenten beantworten uns Fragen, erzählen persönliche Geschichten, sind interessiert daran, Kontakte zu knüpfen; einer war bereits in Deutschland und lernt weiterhin eifrig unsere Sprache. Er hofft auf einen Master-Platz in Dortmund; auch er gehört zu den 90%, die ihre Zukunft fernab der Heimat sehen.

Mit dem Taxi nach Bethlehem

Danach ist einer der Anatomie-Dozenten so freundlich und organisiert uns Taxis nach Bethlehem, wo wir gemeinsam Falafel essen. Wir schauen uns die Geburtskirche an und beobachten interessiert die Pilger, die ergriffen ein paar Steine küssen, die mit Jesu Geburt in Verbindung gebracht werden.

Abends gehen wir noch einmal ein ganzes Stück an der Mauer entlang, zum Grenzübergang. Von dieser Seite aus gesehen wirkt sie mächtiger, auf der israelischen Seite ist sie verdeckter und sieht irgendwie harmloser aus. Zahlreiche Künstler haben die kahle graue Betonfläche verziert mit Bildern und Schriftzügen, zumeist Forderungen nach Frieden oder Anprangerungen von Unrecht. Wir fühlen uns erinnert an Berlin, so ähnlich muss es dort wohl früher gewesen sein.

Die Weiterfahrt: ein Roadtrip

Nach einer Woche in Jerusalem mieten wir ein Auto und lernen die unbedarftere Seite Israels kennen: die unglaubliche Diversität in der Landschaft, die Wüste im Süden, das erfrischende und duftende Grün der Region um den See Genezareth, die Mittelmeer-Stimmung in Akko und das moderne Großstadt-Feeling Tel Avivs. Nur die ständige Militärpräsenz, schwer bewaffnete junge Leute in unserem Alter, auf den Golan-Höhen sogar Panzerschüsse in der Ferne; daran haben wir uns so schnell nicht gewöhnen können; oder wollen.

Voller neuer Eindrücke sind wir nach zwei Wochen geschafft, erfrischt, bewegt und nachdenklich zugleich. Wie schön wäre es, wenn diese Region schon bald vor allem seiner gastfreundlichen und kulturell so vielfältigen Bewohner, beeindruckenden Landschaften und interessanten historischen Geschichte wegen von sich Reden machte. Und nicht mehr wegen politischer Unruhen, Raketen aus dem Gaza-Streifen, einem Konter-Beschuss. Doch gleichzeitig ist uns auch noch klarer geworden, dass diese Vorstellung leider fast wie ein Traum anmutet, irgendwie zu schön, um wahr zu werden.

In was für einer Welt leben wir eigentlich?

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