Mach mal ‚Aaaah‘

Layla strahlt mich an. Das eineinhalb Jahre alte Mädchen ist mit ihrem Charme äußerst großzügig. Die Untersuchung scheint für sie ein Spiel, meine Maske stört sie keineswegs, sie schaut mir fest in die Augen, gluckst, lacht und greift nach meinem Stethoskop. Pink ist es. Viele Eltern reagieren anfangs etwas überrascht, wenn ich mich ihnen als Ärztin vorstelle; doch die Assistenzärzte in der Klinik waren immer schon jung und sind heutzutage zum Großteil weiblich. Da macht ein pinkes Stethoskop auch keinen Unterschied mehr – wer es noch nicht begriffen hat, wird es mit der Zeit schon tun: die Zukunft ist weiblich. Zumindest in der Kinderklinik.

‚Du machst das ja klasse!‘, lobe ich Layla. Ich knie vor dem Bett, Layla sitzt auf dem Schoß ihrer Mutter und ich habe mich auf Augenhöhe begeben. Laylas Mutter zeigt mir die Hautstellen ihrer Tochter, die schon deutlich besser geworden sind unter der intensiven Lokaltherapie in den letzten Tagen. In sehr intensiven Fällen wird ein atopisches Ekzem – im Volksmund auch Neurodermitis – im Krankenhaus behandelt, Eltern intensiv geschult und beraten, damit die Therapie langfristig zu Hause fortgeführt wird und die Kinder schnell Linderung bekommen. Ich schaue mir Laylas Haut an und nicke. Einen direkten Vergleich habe ich nicht, aber die Haut ist gut hydriert und es gibt keine offenen, nässenden Stellen, wie es noch im Aufnahmebefund vermerkt worden war. Plötzlich spüre ich einen leichten Atemhauch im Nacken und drehe mich um: Janos, Laylas Zimmernachbar, etwa gleich alt, steht direkt hinter mir. Neugierig ist er herangekommen, um zu beobachten, was vor sich geht. Ich muss lachen. ‚Zu dir komme ich auch gleich, keine Sorge!‘ Janos flüchtet sich auf den Schoß seiner Mutter, die ebenfalls lachen muss. So hatte er sich das wohl nicht gedacht, der sichere Abstand war ihm lieber.

Nachdem ich Janos – begleitet von viel Geschrei – ebenfalls untersucht habe, komme ich noch einmal zurück zu Layla. Ihrer Mutter ist noch eingefallen, dass sie mir einen submentalen Lymphknoten (direkt unter dem Kinn) zeigen wollte, so dass ich mir noch einmal genau den Rachenraum ihrer Tochter ansehen möchte. Husten oder Schnupfen wurde eben bereits verneint, aber wo kommt auf einmal der geschwollene Lymphknoten her? Layla strahlt mich weiterhin an, ihre Mutter hat sie liebevoll aber fest im Klammergriff; ich zücke den Spatel. Meine kleine Patientin weiß kurz nicht genau, was ich vorhabe, spürt den Spatel, ist irritiert und – erbricht im Schwall.

‚Oh nein! Die schöne Milch! Entschuldigen Sie bitte!‘, ich schaue Layla, die mir das ganze nicht übel nimmt, betreten und ihre Mutter mit schlechtem Gewissen an. Doch Laylas Mutter lacht, sie ist zum Glück keine von denen, die nur säuerlich grinsen können, ‚Kann doch passieren, macht nichts!‘ Auch Layla hat es das Grinsen nicht verschlagen.

Und um dem ganzen noch eine Krone aufzusetzen an netter Ärztin-Patienten-Mütter-Interaktion reicht Janos‘ Mutter uns Papiertücher. Kurze Zeit später ist das Malheur beseitigt.

Liebe Leut‘: Mit Kindern und Müttern zu arbeiten macht Spaß!

Auch wenn man zwischendurch angekotzt wird. Was immer bleibt, ist unmittelbare Interaktion mit ehrlichen kleinen Menschen. Wer weiß, vielleicht hatte ich es ja verdient 😉

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