Meine Examenspatientin

Das dritte Staatsexamen ist eine mündlich-praktische Prüfung. Wir Examenskandidaten untersuchen zwei Patienten, haben Einsicht in Akten und Befunde, und erstellen eine Epikrise, das heißt wir schreiben einen Bericht über ‚unsere‘ Patienten und ihre Krankengeschichte, den Verlauf und die therapeutischen Schritte. In der mündlichen Prüfung werden dann unter anderem Fragen zu diesen Patienten gestellt.

Mein Tag gestaltete sich wie folgt.

Sehr pünktlich treffen wir ein und warten vor der Station auf unseren Prüfer. Wir – meine Prüfungsgruppe. In den letzten Wochen haben wir oft zusammen gelernt, sind Protokolle aus vergangenen Jahren durchgegangen und haben Krankheitsbilder besprochen, die wir im PJ gesehen haben und die uns geeignet erscheinen für unsere Prüfung. Nun tänzeln wir auf dem Flur, tigern auf und ab, es ist schwül, ich fühle mich etwas wackelig, wir öffnen ein Fenster und hoffen auf eine erfrischende Brise.

Dann erscheint Dr. S. Unser Prüfer nimmt zum ersten Mal ein Staatsexamen ab und zwischendurch habe ich das Gefühl, dass er nicht nur uns beruhigen will mit seinen wohlwollenden Worten, sondern auch ein bisschen sich selbst. Auch heute begrüßt er uns sehr freundlich, stellt noch einmal klar, was er von uns erwartet in unseren Berichten, wie die Prüfung in etwa ablaufen wird. Und lässt uns dann Nummern ziehen. Dr. S. hat vier Patienten ausgesucht, die er uns nun per Zufall zuteilt.

Meine Patientin ist ein Neugeborenes, sechs Tage ist die kleine A. alt.

Diagnose: Asphyxie. Sie hat unter der Geburt zu wenig Sauerstoff bekommen.

Keine schöne Geschichte, aber von medizinischer Seite bin ich zufrieden. Theoretisch ein ‚interessantes‘ Krankheitsbild, das ich während des PJ kennen gelernt habe. In der Realität bin ich erschüttert, dass A.’s Geschichte fast genauso klingt wie die Fälle der Kinder, die ich auf der Intensivstation vor einem halben Jahr gesehen habe. In Kürze: Geburt nach unauffälliger Schwangerschaft in einer peripheren Klinik, wie es bei uns genannt wird und was erst einmal nur bedeutet, dass das Krankenhaus nicht Teil eines universitären Zentrums ist. Unerwartete Komplikationen bei der Geburt, in diesem Fall eine ’straffe Nabelschnurumschlingung‘. Daraufhin postnatal Schwierigkeiten bei der Atmung, eine ‚respiratorische Anpassungsstörung‘. Und dann? Dann dauerte es, bis ein Kinderarzt vor Ort war und die ‚Erstversorgung‘ fachgerecht durchgeführt wurde.

Mir läuft es kalt den Rücken hinunter. Auch diesmal bleiben nach gründlicher Durchsicht aller Briefe und Dokumente Fragen offen. Direkt nach der Geburt waren die Anzeichen, dass meine kleine Patientin zu wenig Sauerstoff bekommen hat, nur sehr milde ausgeprägt. Warum wurden die Werte eine halbe Stunde später schlecht? Wenn das Kind erst einmal auf der Welt ist, bekommt es doch direkt unterstützende Maßnahmen, in diesem Fall vor allem bei der Atmung. Oder?

Es liest sich nicht so.

Und in einem kurzen Tête-à-Tête mit der behandelnden Ärztin stellt sich heraus, dass mein Misstrauen von ihr geteilt wird. ‚Schreib das nicht so direkt da rein. Aber wir denken auch alle, dass die Versorgung durch Hebamme und Gynäkologe in der Geburtsklinik nicht besonders gut war. Als unsere Notärztin eintraf, wurde das Kind nicht gut beatmet, einfach, weil die Maske nicht gut saß. Das richtige Equipment und Gerät hatten die schon, aber so richtig gut konnte scheinbar keiner damit umgehen. Als das erst einmal alles gerichtet war, wurden die Werte rasch besser.‘ 

Die Kurve, die den klinischen Zustand von A. in den letzten Tagen protokolliert, deuten an: Meine Patientin scheint noch einmal Glück im Unglück gehabt zu haben. Bisher hat sie keinen Krampfanfall gehabt oder gesteigerte Reflexe gezeigt oder sonstige klinische Anzeichen eines Hirnschadens, der die schlimmstmögliche Folge einer Asphyxie ist. Brav bleibe ich im Brief etwas schwammig; es ist immerhin Examen, hier will ich gerade nichts riskieren.

Aber generell: Wenn die Erstversorgung wirklich nicht gut war – warum schlägt dann keiner Alarm, sorgt dafür, dass Hebammen und Gynäkologen regelmäßig ein Training haben und gewappnet sind für den Fall, dass mal nicht alles nach Plan läuft?

Es kann doch nicht sein, dass unsere Aufgabe immer wieder ist, Kinder aufzupäppeln, die leider das Pech hatten, erst nach einer halben Stunde von einem gut ausgebildeten Kinderarzt versorgt zu werden – sollten wir nicht auch dafür sorgen, dass das nächste Mal die Leute, die definitiv vor Ort sind, auch bereit sind, die Versorgung zu übernehmen?

Ich freue mich auf meinen Berufseinstieg. Darauf, wirklich Teil eines Teams zu sein. Eine Stimme zu haben, die hoffentlich gehört wird.

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2 Gedanken zu „Meine Examenspatientin

  1. Ich arbeite in einem Perinatalzentrum als Assistentin der Gyn und bin jedes Mal mehr als übelst erleichtert, dass die Kinderärzte nur einen Telefonruf entfernt sind. Ich glaube allerdings auch, dass es solche Trainings definitiv gibt, aber dass es halt ist wie immer: was man oft macht, kann man gut. Bei unerwarteten Komplikationen ist halt vielleicht genau das eine Fähigkeit, auf die man dann als Gyni oder Hebamme nicht so gut zurückgreifen kann, wie ein Pädiater, der das täglich macht.

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für diesen Kommentar! Sicherlich stimmt es, dass Kinderärzte – bzw. genau genommen vor allem Neonatologen oder vielleicht auch Kindernotärzte – mehr in der Übung sind mit der Versorgung eines Neugeborenen als Gynäkologen. Und daran werden auch Trainings nichts ändern – was man im Alltag häufiger antrifft, beherrscht man am Ende besser. Dennoch bin ich nicht sicher, ob ich die Ausbildungssituation generell bereits als ausreichend einstufen würde. Aus meinem Bekanntenkreis (unter andrem von Assistenzärzten in der Frauenheilkunde) habe ich eher Kommentare gehört, die das nicht bestätigen.
      Was Hebammen betrifft, ist mir die Situation nicht bekannt; aber wie gesagt habe ich leider schon einige Fälle erlebt, wo die ‚Rettungskette‘ nicht gut funktioniert hat. Und aus Einschätzung der behandelnden Kinderärzte die Prognose der Kinder bei sofortiger Betreuung durch einen ‚Experten‘ besser gewesen wäre…

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